Ein Gespräch mit Ulrike Dietmann

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       “Trau dich was!”

 

 

 

 

 

Ulrike Dietmann veröffentlicht Ratgeber und Geschichten, die Leserinnen und Leser dazu bringen, sich auf eine Reise zu begeben, hin zu sich selbst. Nach dem Studium der Philosophie, Theaterwissenschaften, Publizistik und dem Szenischen Schreiben arbeitete die Bad Mergentheimerin als Freie Autorin, schrieb Hörspielgeschichten, Heftromane, Drehbücher und für das Theater. Schon bald half sie anderen Autorinnen und Autoren als Schreibdozentin und -coach und gründete 2008 die „Pegasus-Schreibschule“. Um jedem einen besonderen Weg zu ebnen, einen Pfad zu seiner Authentizität und seinen Gefühlen zu finden, widmet sich Dietmann der pferdegestützten Persönlichkeitsentwicklung. Im Rahmen ihres Unternehmens „Spirit Horse“ bietet sie Workshops an; im Jahr 2009 gründete sie zudem den Verlag „Spiritbooks“. Im Netz findet man Informationen über sie auf ihrer Homepage oder bei Facebook.

Liebe Ulrike, deinem Ratgeber „Heldenreise ins Herz des Autors – Das Handwerk der Inspiration“ hast du folgendes Zitat von Rumi aus dem 13. Jahrhundert vorangestellt:

Klammere dich ans Verrücktsein

Konventionelle Meinungen sind der Ruin unserer Seele,

etwas Geliehenes, das wir mit Eigenem verwechseln.

Da ist es besser, nichts zu wissen;

klammere dich lieber ans Verrücktsein.

Lass die Sicherheit fahren

und sei zu Hause unter den Gefahren.

Lass den guten Namen hinter dir

und nimm die üble Nachrede hin.

Ich habe lange mit vorsichtigen Gedanken gelebt;

jetzt werde ich verrückt werden.

… was bedeuten dir diese Zeilen?

Sie drücken im Wesentlichen das aus, was ich vermitteln möchte. Ich denke, dass viele Menschen mehr wagen und sich trauen sollten, freier zu denken. In jedem von uns steckt ganz viel Potenzial, mehr als man ahnt. Das würde hervorgebracht, wenn man die gewohnten und vorgeschriebenen Pfade verließe und sich traute wilder und verrückter zu sein.

Spiegelt sich diese Zurückhaltung auch bei den deutschen Autorinnen und Autoren wider?

Ja, leider. Ich erlebe das vor allem bei meinen Reisen durch viele verschiedene Länder, denn ich entdecke dort Texte und Geschichten, die nicht nach einem bestimmten Schema geschrieben wurden. Die deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind da eher zurückhaltend. Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Literatur davon aufleben könnte und vor allem in anderen Ländern wieder mehr auffallen würde.

Dann würde man als Autor jedoch auch die Angst besiegen müssen, nicht markttauglich zu sein.

Das wichtigste ist, dass die Leser berührt werden. Die Kraft einer Geschichte, eines Textes entwickelt sich nur dann, wenn die Autorin oder der Autor beim Schreiben authentisch war. Wenn er oder sie sich ganz und gar mit dem Thema identifiziert und beschäftigt und mit Leidenschaft und Liebe alles dafür tut, die Worte und seine Botschaft für andere auf das Papier zu bringen, dann wird der Text einen Weg zu seinem Leser finden.

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Warum hast du vor acht Jahren die Pegasus Schreibschule gegründet?

 

 

Ich wollte einen schönen Ort schaffen, an dem kreatives Potenzial frei fließen kann. Ich halte nicht so viel von den klassischen Lernzimmern, bei mir gibt es bequeme Sofas und bunte Stühle und wir gehen zwischendurch raus in die Natur. Durch die Coachings und Workshops möchte ich jedem etwas mitgeben, das er für sich nutzen kann. Ich kann mir in dieser Zeit den einzelnen Menschen anschauen und individuell auf ihn eingehen. Wir sind bei den Workshops meist neun Leute, jeder bringt seine persönlichen, speziellen Ideen mit, die wir vor allem nach dem Modell der Heldenreise ausbauen. Jeder hat eine ganz eigene Stimme und Botschaft und mir ist es wichtig, diese auszugraben. Ich denke, es ist für jeden gut, einen Lehrer zu haben, das erleben wir in vielen Bereichen unseres Lebens. Manchmal kann nur jemand Außenstehendes die Probleme erkennen und benennen oder das Potenzial bestimmter Ideen greifbar machen und dadurch die Entwicklung beschleunigen.

Könntest du das Modell der Heldenreise erläutern?

Die Heldenreise ist ein geniales Modell des Geschichtenerzählens. Damit kann jeder Autor in recht kurzer Zeit lernen, Geschichten zu erzählen, die garantiert spannend sind. Die Heldenreise führt die Hauptfigur durch eine Entwicklung, in der sie eine wahre Veränderung erfährt. Das ist der Kern aller echten Geschichten. Die Heldenreise wird auch in der Persönlichkeitsentwicklung verwendet und ist das effektivste und nachhaltigste Modell für Veränderung, das ich kenne. Sie hört nie auf, mich zu faszinieren. Die Heldenreise beschreibt die Grundstruktur von Geschichten, wie sie zu allen Zeiten in allen Kulturen erzählt wurden. Sie ist deshalb so erfolgreich, weil sie die einzelnen Stadien beschreibt, die die menschliche Psyche durchläuft, wenn sie sich verändert.

Seit 2008 bietest du im Rahmen deines Unternehmens Spirit Horse die spirituelle Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden an. Im Umgang mit den Tieren kommt das eigene Innere zum Vorschein. Warum ist das so?

Tiere reagieren auf das Authentische in einem Menschen. Die Pferde nehmen nur Kontakt auf, wenn du ganz und gar du selbst bist, sie zeigen dir den Unterschied zwischen wahrem Sein und falschen Selbst, denn du kannst ihnen nichts vormachen. Pferde erkennen das Lebendige in dir und antworten darauf. Die Begegnungen mit den Pferden laufen für jeden unterschiedlich ab, es sind ganz persönliche Erfahrungen, die dich auf die unterschiedlichsten Weisen stärken.

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Viele deiner Erkenntnisse gibst du auch in Ratgebern wieder. Deine Bücher erscheinen mittlerweile in deinem eigenen Verlag Spiritbooks, das Kernteam besteht aus vier Leuten sowie zwanzig Autorinnen und Autoren. Was hat dich motiviert, es mit einem eigenen Verlag zu versuchen?

 

 

Als ich mich mit den Möglichkeiten beschäftigte, was dieses selbstbestimmte Arbeiten bedeutet, habe ich eine große Befreiung und Freude erlebt. Für alles rund um ein Buch verantwortlich zu sein, für den Inhalt, den Titel und das Cover und für die Autorinnen und Autoren da sein zu können, bringt besondere Erfahrungen und viele schöne Momente mit sich. Und manchmal erreichen mich Texte, die für andere Verlage nicht lukrativ genug wären. Ich freue mich, dass ich diesen Schriftstellern eine Plattform geben kann.

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, wie entsteht bei euch ein Cover?

Ganz oft haben die Autorinnen und Autoren schon eine eigene Vorstellung davon, diese ergänzen sie dann mit eigenen Fotos; manche kennen auch Malerinnen oder Maler und sie finden Bilder, die zu ihren Texten passen. Wir schauen gemeinsam, welches Bild die emotionale Botschaft am besten rüberbringen kann. Die Entwicklung von Covern ist spannend, denn dabei passieren manchmal unvorhersehbare Dinge. Die Cover fliegen einem regelrecht zu. Wir hatten das Cover für mein Buch „Das Medizinpferd“ schon festgelegt. Kurz darauf klingelte es an meiner Haustür und die Malerin Daniela Roßner fragte mich, ob sie mir ihre Mappe zeigen könnte und mein Cover lag plötzlich vor mir.

Du schreibst jedes Jahr ungefähr zwei Ratgeber, gibst um die fünfzehn Workshops und einzelne Coachings und bildest Trainer in der Heldenreise mit Pferden aus. Wie geht deine Reise weiter?

Im Augenblick entsteht mein erster Online-Lernkurs und ich bin dabei, Filme für YouTube zu machen. Ich bin fasziniert von den vielen Möglichkeiten, die die Entwicklung der Technologie bietet. Da ich ein Mensch mit einer Mission bin, sucht etwas in mir immer nach neuen Wegen, Menschen zu erreichen. Das ist meine Natur: andere zu berühren, Menschen zu begegnen und mit ihnen zu wachsen. Das macht mich glücklich.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Bildrechte: Ulrike Dietmann

 

Ein Gespräch mit Franziska Kirchhoff

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“Das Lektorat hat mich sehr gefordert. Durch die Flut an Feedback, habe ich mich zunächst völlig weggespült gefühlt.”

 

 

 

 

Franziska Kirchhoff hat im Frühjahr diesen Jahres ihren Debüt-Roman „Neustart Berlin“ im Ylva Verlag veröffentlicht. In der gefühlvollen und abwechslungsreichen Geschichte geht es um die Turbulenzen eines Neuanfangs, die Unsicherheit beim Kennenlernen eines neuen Menschen und das Entdecken intensiver Gefühle.

In ihrer Freizeit ist die Wahlberlinerin oft mit ihrem Hund Rudi in der Natur unterwegs und erkundet bei langen Spaziergängen vor allem abgelegene Orte. Zudem geht sie gerne joggen, besucht ihre Familie oder trifft sich mit Freunden, zum Beispiel zum gemeinsamen Karaoke-Singen. Ideen für ein neues Schreib-Projekt gibt es bereits, an dem sie vor allem in den frühen Morgenstunden arbeitet.

 

Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Erzähl doch mal ein wenig über dich, wer bist du, was machst du, wo findet man dich im Netz?

Da startest du zielsicher mit der schwierigsten Frage! Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Ich bin Franziska, die magische 30 habe ich bereits hinter mir gelassen. Wenn ich nicht Unternehmen in Marketing-Angelegenheiten berate, bin ich mit meiner Frau und unserem Hund Rudi zusammen. Seit 2011 leben wir in Berlin. Ich mag die Anonymität der Großstadt, die hat mir in dem kleinen Ort in Brandenburg, wo ich aufgewachsen bin, gefehlt. Was mich immer noch mit diesem Ort verbindet, ist meine Familie – die steht für mich über allem – und die Natur. Ich mag Aktivität, bin aber wenig spontan. Ich treib gern Sport, passe mich aber ungern dem Tempo anderer an. Ich bin sehr kritisch, aber keine Angst – am meisten mit mir selbst. Im Netz findet man mich bevorzugt auf Facebook. Ich freue mich über jeden Like für meine Autorenseite und weiß ehrliches Feedback wirklich sehr zu schätzen!

Wie lange schreibst du schon?

Angefangen hat das in der ersten Klasse, mit dem ABC. Mein Schriftbild ist in etwa auf diesem Stand geblieben. Ich hatte schon immer eine recht blühende Phantasie. In der Grundschule habe ich begonnen, meine erste Geschichte aufzuschreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis zum Ende durchgehalten habe. Falls ja, gab es sicherlich ein Happy End – und vermutlich auch ein Einhorn. Dann hatte ich eine Durststrecke, die von der schlimmen Phase der Pubertät unterbrochen wurde. In dieser Zeit habe ich mich an Gedichten versucht. Es ging um Weltschmerz, verschmähte Liebe und glücklicherweise auch irgendwann um das Geschenk der Gefühlserwiderung. Dann kam wieder eine Weile nichts – das Gefühl musste ja schließlich ausgekostet werden. Während des Studiums kehrte irgendwann meine Lust am Schreiben zurück. Nach ein paar eher privat motivierten Kurzgeschichten entstand schließlich „Neustart Berlin“ bzw. „Einfach ein Gefühl“ – so lautete der ursprüngliche Arbeitstitel.

Wodurch hast du deine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt?

Am Anfang war das Schreiben ein Ventil für mich. Ich habe Tagebuch geführt, dadurch Erlebnisse besser reflektiert und erkannt, dass es mir gut tut, mich auf diese Weise mit mir selbst auseinanderzusetzen. Mir fiel es schon immer sehr viel leichter Gefühle schriftlich auszudrücken. Inzwischen ist das Schreiben für mich zu einer Art Auszeit geworden. Ich tauche dann in eine ganz andere Welt ein. Plötzlich geht es nicht mehr um mich, meine Probleme oder Erlebnisse. Mich gedanklich und emotional komplett auf diese Phantasie einzulassen, gibt mir neue Energie, macht mich ganz munter und beflügelt so wiederum meine reale Welt.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Ylva Verlag?

Ich würde sagen, es war Glück in letzter Minute. Ich hatte Kontakt zu mehreren Verlagen, die unterschiedliche Bedingungen an eine Zusammenarbeit stellten. Teilweise konnte oder wollte ich dem nicht gerecht werden. Ich stand kurz davor, mein Manuskript im Self-Publishing herauszubringen. Dann kam die Zusage vom Ylva Verlag und hier stimmte glücklicherweise alles: mein Gefühl und die Vertragsbedingungen.

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Was hast du beim Lektorat über deinen Schreibstil gelernt? Kam neuer Input hinzu bzw. Vorschläge, die du beim nächsten Projekt intensiv umsetzen wirst?

Das Lektorat hat mich sehr gefordert – als Autorin, aber auch als Mensch. Da kam auf einmal so eine Flut an Feedback, dass ich mich zunächst völlig weggespült gefühlt habe. Ich musste erst lernen, dass ich mein Buchstaben-Baby nicht beschützen muss. Nachdem ich Denise, meine Lektorin, kennengelernt habe, wurde alles viel leichter. Wir haben Szenen gekürzt, umgestellt und einige neue Übergänge geschaffen. Ich neige dazu, Szenen zu schnell auszublenden, meine Kopfkamera springt einen Tick zu voreilig ins nächste Bild. Diese Erkenntnis ist eine von vielen, die ich in zukünftigen Projekten beherzigen werde.

Wie integrierst du das Schreiben in deinen Alltag?

In der Regel klingelt mein Wecker um 5 Uhr. Da ich kein Snoozer bin, springe ich dann auch sofort aus dem Bett – in regen Schreibphasen sogar höchst motiviert. Um in einer Arbeitswoche auch privat kreativ und produktiv zu sein, nutze ich die Morgenstunden. Ich brauche Ruhe und muss geistig noch ganz unverbraucht sein. Nach der Arbeit bin ich nicht mehr in der Lage auch nur einen geraden Satz zu denken. Am Wochenende fällt es mir verrückter Weise schwerer mir diesen Freiraum zu schaffen oder die Selbstdisziplin aufzubringen, um mich mehrere Stunden vor den Rechner zu klemmen.

Wie viel Zeit investierst du pro Woche ins Schreiben?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gab Zeiten, da schrieb ich jeden Morgen ein bis zwei Stunden. Momentan befinde ich mich allerdings in einer schreibfreien Phase. Das ist aber nicht untypisch für mich, da sich mein Fokus immer mal wieder verschiebt. Ich habe das nächste Projekt schon fest im Blick, mir fehlt nur noch der letzte Motivationsschub.

Wie entsteht bei dir eine Geschichte, von der ersten Idee bis zum fertigen Text?

Hm. Ich wünschte, ich wüsste das so genau. Häufig komme ich gar nicht weiter als bis zur ersten Idee. Die ist dann aber auch wirklich der Anfang der Geschichte, wäre also quasi das erste geschriebene Kapitel. Gedanklich stehen die Ausgangssituation und zumindest die Charakterzüge des Hauptprotagonisten fest, bevor ich Entwicklungsszenarien durchspiele. Ich grübele oft schon sehr detailliert über Szenen oder Dialoge nach – lange bevor ich das erste Wort geschrieben habe. Wenn ich dann endlich zu schreiben beginne, entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik, die ich gar nicht wirklich kontrollieren kann. Häufig wird alles, was ich in meinen Gedankenexperimenten schon beschlossen hatte, komplett über den Haufen geworfen und neu kreiert. Die nächste Session beginnt immer damit, dass ich das zuletzt geschriebene lese und überarbeite. Danach bin ich wieder ganz in dem Gefühl drin und kann weiterschreiben. Leider muss ich zugeben, dass es für mich keinen wirklich finalen Text gibt. Würde man mir „Neustart Berlin“ zum Editieren reichen, würde ich mit Sicherheit Änderungen und vermeintliche Verbesserungen vornehmen.

Wodurch formst du dein Schreiben? Liest du zum Beispiel Schreibratgeber, oder bist du in bestimmten Foren unterwegs?

Am Anfang habe ich mich durch ein paar Foren und Blogs gelesen. Aber ich bin kein rationaler Theoretiker. Ich muss selbst erleben, was bewusst eingesetzte Schreibtaktiken mit mir als Leser machen. Daher hat sich meine Art des Lesens verändert. Ich achte mehr auf Erzählperspektiven, Figurenentwicklung und das Verhältnis zwischen beschreibenden Passagen und Dialogen. Trotzdem fällt es mir schwer, mich in meinem Schreib-Flow zu bremsen, das Bauchgefühl kurz auszuschalten und stattdessen den eigenen Text analytisch zu bewerten. Glücklicherweise habe ich einen besten Freund, der meine Texte leidenschaftlich gern auseinanderpflückt.

Möchtest du deinen Leserinnen und Lesern noch etwas mitteilen?

Ich liebe es, wenn mich eine Geschichte richtig packt und ich in Lesepausen oder nach dem Auslesen noch ein wenig die Emotion der Story in mir trage oder sich meine Gedanken verselbstständigen und weiter um die Handlung kreisen. Daher wünsche ich den Leserinnen und Lesern ganz viele solcher tollen, einnehmenden Lesemomente und würde mich freuen, mit meinem Schreiben etwas dazu beitragen zu können. Übrigens bin ich sehr neugierig auf die „Neustart Berlin“ Leseerfahrungen – also gern her damit!

Bildrechte: Franziska Kirchhoff

 

Ein Gespräch mit Anne Bax

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   “Ich schätze die wunderbare Energie,

die gemeinsames Lachen erzeugt”  

 

 

 

 

Von der Schriftstellerin Anne Bax wurde 2003 die erste Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel „Wirklich ungeheuer praktisch“ veröffentlicht. Seitdem kamen zwei Romane, zwei Kurzgeschichtensammlungen und ein Kochbuch, in Zusammenarbeit mit Cornelia Böhm, hinzu.
Anne Bax bringt Menschen gerne zum Lachen und das gelingt ihr mit facettenreichen Texten, besonderen Metaphern und detailreichen Szenen. Ihre Geschichten und Gedichte handeln vom Suchen, Finden und Erleben der Liebe, von den besonderen und komischen Begegnungen zwischen zwei Menschen und immer wieder von vielfältigen alltäglichen Momenten. Einige der Texte präsentiert Anne Bax zusammen mit der Musikerin und Sängerin Anika Auweiler in dem Programm „Spaß beiSaite“. Im Netz findet man sie unter anderem auf Facebook und hier: http://baxbaxbax.de.

Liebe Frau Bax, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview nehmen. Erzählen Sie mir ein wenig über sich: wer sind Sie und was machen Sie?

Ich bin Anne Bax und alt genug um bei vollem Bewusstsein erlebt zu haben wie Abba 1974 den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Ich bin nicht ganz sicher was es über mich sagt, dass ich mich ausgerechnet daran so gut erinnere.
Ich habe Kommunikationswissenschaft/Geschichte/Psychologie studiert und in irgendeinem Ordner hinter meinem Schreibtisch liegt ein Zettel auf dem man nachlesen könnte, dass ich all das mit einem Magistertitel abgeschlossen habe. Wenn ich keine Bücher schreibe, entwerfe ich wahnsinnig tolle Werbetexte für eine PR-Agentur.

Wie fing das an, mit Ihnen und der Leidenschaft für das Schreiben?

Ich empfinde für das Schreiben nur selten Leidenschaft, das Schreiben und ich haben eine eher schwierige Beziehung und bräuchten eigentlich eine gute Paartherapeutin. Ich liebe fertige Bücher, ich liebe es Menschen zum Lachen zu bringen, ich hasse es dafür stundenlang allein am Schreibtisch sitzen zu müssen.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Geschichten gerne veröffentlicht sehen würden und wie ging es dann weiter?

So richtig weiß ich das gar nicht mehr. Ich glaube, ich hatte eine Geschichte geschrieben, die mir so gelungen erschien dass ich das gewagt habe und es hat im ersten Anlauf funktioniert.

Haben Sie sich viel selbst über das Schreiben beigebracht oder beibringen lassen? Gibt es zum Beispiel Schreibratgeber, die Ihnen wichtig sind oder Menschen, von denen Sie Besonderes gelernt haben?

Ich halte nichts von Schreibratgebern und lerne eher indem ich amerikanischen/englischen Comedians zuhöre oder ihre Werke lese. Ich versuche zu verstehen wie Tina Fey, Kathy Griffin, Amy Poehler, Steven Colbert, Jon Stewart, Kate Clinton, Craig Ferguson oder Nina Conti ihr Publikum zum Lachen bringen.

Wie wichtig ist es Ihnen, mit anderen zusammen zu lachen?

Ungeheuer wichtig. Es gibt diese grandiosen Momente, gerade bei „Spaß beiSaite“, wo wir beide auf der Bühne und das Publikum uns gegenseitig zum Lachen bringen … das ist großartig.

Wie schafft man es Texte zu schreiben, mit denen man viele zum Lachen bringen kann?

Ich vermute, dass das ein Talent ist, das man einfach hat. Das man dann aber sicher schärfen kann, indem man den Meistern und Meisterinnen dieser Zunft zuhört.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen für die Figuren? Wie viel Zeit stecken Sie in deren Entwicklung, bevor Sie anfangen zu schreiben?

Ideen liegen überall im Alltag herum und springen mich auch überall an. Ich erdenke einen längeren Text erst eine ganze Weile bevor ich ihn aufschreibe. Kurze Texte entstehen manchmal aus einem einzigen Augenblick heraus.

Ende letzten Jahres ist Ihre neue Kurzgeschichtensammlung „Love me Tinder“ erschienen. Darin präsentieren Sie amüsante, erotische und ernstere Texte. Wie entsteht so eine Zusammenstellung? Nehmen Sie sich zum Beispiel konkret verschiedene Thematiken vor und entwickeln dazu die Texte?

Im Falle von „Love me Tinder“ sind die Texte zum großen Teil für „Spaß beiSaite“ entstanden und Teil unseres Programms. Ich nehme mir sonst selten konkret ein Thema vor, sondern warte auf eine Idee, die mich amüsiert.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite an den Texten für das neue „Spaß beiSaite“ Programm und an einem neuen Roman.

Seit wann gibt es das Programm „Spaß beiSaite“? Mit wem treten Sie dort gemeinsam auf und wie kam es zu der Zusammenarbeit?

„Spaß beiSaite“ gibt es seit ungefähr vier Jahren und besteht aus mir und der genialen Anika Auweiler, die Musikerin, Sängerin und Multitalent ist. Eine gemeinsame Bekannte hatte uns einander vorgestellt, weil sie glaubte, dass unsere Talente gut zusammen passen würden. Das stimmte so sehr, dass wir seitdem in vielen deutschen Städten vor begeistertem Publikum aufgetreten sind. Auch in diesem Jahr werden wir wieder eine kleine Tour durch die Republik machen.

Wie viele Auftritte gibt es von Ihnen im Jahr? Wie bereiten Sie diese mit Anika Auweiler vor?

„Spaß beiSaite“ macht ungefähr 10 Auftritte im Jahr, dazu kommen bei mir noch einige Lesungen und bei Anika Solo-Konzerte. Da wir in ständigem, digitalen Austausch sind, entsteht das Programm fast nebenbei bei unseren Telefonaten und in unseren Nachrichten. Wir leben 500 km voneinander entfernt und treffen uns ab und zu für ein paar arbeitsreiche Wochenenden.

Was schätzen Sie an den Auftritten vor Publikum?

Die wunderbare Energie, die gemeinsames Lachen erzeugt.

Wie organisieren Sie Ihren Arbeitsalltag? Haben Sie zum Beispiel feste Zeiten, in denen Sie schreiben?

Ich wünschte ich hätte das. Ich muss mich leider immer wieder zur Disziplin zwingen, entkomme mir dann selber immer wieder und fange mich auch selber wieder ein. Es ist ein ewiger Kampf, gute Anne gegen böse Anne, fleißige Anne gegen faule Anne und es ist nie sicher wer an einem bestimmten Tag gewinnt.

Verraten Sie mir Ihre Lieblingsorte an denen Sie sich Kraft und Inspiration holen?

Ach, ich wünschte ich könnte jetzt von diesem einsamen kleinen See im Wald schreiben, der mich mit seiner verwunschenen Kraft zum Verweilen und Schreiben einlädt, aber der ist es leider nicht. Meine Inspirationsquelle ist Walt Disney World in Florida und ich verbringe dort jedes Jahr eine ungesund lange Zeitspanne um mich zu erfreuen.

 

                                 Geschichten, Gedichte und Texte von Anne Bax

Die komplette Übersicht gibt es auch auf der Amazon-Autorenwebsite von Anne Bax.

Bildrechte: Anne Bax

Adventsumfrage zu meinem Blog – mit Verlosung

20.12.2015: Die Umfrage wurde beendet. Vielen lieben Dank für eure Rückmeldungen (über die ich mich natürlich auch weiterhin freue). Der Gewinner des Buches (E.B.) wurde benachrichtigt.


Meine Internetseite gibt es nun seit knapp einem halben Jahr. Damit ich sie auch intensiv nach euren Vorstellungen und Interessen gestalten kann, würde ich mich über Rückmeldungen zu meinen Blog-Kategorien freuen:

– Interviews

Über das Schreiben

Gastbeiträge:

Drei Stichworte – eine Geschichte

Ein Foto und seine Geschichte

Die Rückmeldung kann per Mail an mich (Ina.Steg@firemail.de), als DM bei Twitter oder als Kommentar unter diesem Blogbeitrag erfolgen.

Als Dankeschön verlose ich unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Exemplar des Romans

„Die Mondspielerin“ von Nina George.

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Und hier sind die Teilnahmebedingungen:

– In den Lostopf kommt jeder, der:

  • die Tweets zur Adventsumfrage retweetet,
  • oder mir per Mail (Ina.Steg@firemail.de), über DM bei Twitter oder in einem Kommentar unter diesem Blogbeitrag schreibt, welche Kategorie ihm am besten gefällt und wozu er sich mehr Beiträge wünschen würde.

Die Umfrage beginnt mit der Veröffentlichung des Posts und
endet am Samstag, 19.12. um 23.59 Uhr.

– Am Sonntag, 20.12.2015, entscheidet das Los, wer das Buch erhält. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird anonymisiert auf dem Blog bekannt geben und zusätzlich elektronisch benachrichtigt.

– Mit dem Eingang der Mail bzw. der DM oder einem Retweet und/oder einem Kommentar bestätigst du, dass du die Teilnahmebedingungen gelesen und akzeptiert hast.

– Deine Daten werden nur für die Verlosung genutzt und danach gelöscht.

– Der Versand des Buches erfolgt per Post nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz.

– Für den Postweg übernehme ich keine Haftung.

– Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind 18 Jahre alt oder haben das Einverständnis ihrer Eltern.

– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Ich freue mich sehr auf eure Rückmeldungen und wünsche euch eine schöne und besinnliche Adventszeit,
eure Ina Steg

“Willst Du mit mir …” Resümee zum Schreibprojekt

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Zwei Autorinnen,

eine Geschichte – ein Experiment: Das Resümee

 

 

Genau vor einem Jahr, im November 2014, schrieben wir die ersten Sätze unserer gemeinsamen Geschichte und starteten damit ein Schreibprojekt, das uns viele Monate begleitete.
Alles begann mit der Frage von Ina an Anna: „Willst Du mit mir schreiben?“
Nun haben wir in einem Gespräch ein Resümee aus den Erfahrungen gezogen, an denen wir andere gerne teilhaben lassen möchten.

Ina: Immer mal, wenn ich abgedruckte Briefwechsel zwischen Künstlern las, war ich fasziniert davon, wie diese durch ihren Austausch inspiriert wurden, worüber sie diskutierten und stritten und wie sich ihre Art zu Schreiben im Laufe der Zeit veränderte. Anna Thur kannte ich seit einiger Zeit über Twitter. Ich hatte schon Geschichten von ihr gelesen und redigiert und immer wieder merkte ich danach, dass etwas ihres Erzähltons in mir nachschwang. Ich stellte mir die Frage, ob es klappen könnte, gemeinsam eine Geschichte zu schreiben. Also fragte ich sie.

Anna: Wenn ich an die Situation denke, muss ich heute noch schmunzeln. Auf der einen Seite hatte ich ein supergutes Gefühl bei Ina, aber zu dem Zeitpunkt war sie ohne ein Gesicht und mit dem Namen Yeeaaaahhrr unterwegs. Das machte es ‚spannend‘ …

Ina: Ach ja, das war noch meine Findungsphase auf Twitter. Anna hat später mal gesagt, dass sie ein gutes Bauchgefühl gehabt hätte und ich finde es total schön, dass sie dem gefolgt ist. Mir hat es auch wieder gezeigt, dass man trotz der weitverbreiteten Anonymität in den Sozialen Medien neue Leute kennenlernen kann, man braucht halt etwas Mut und Geduld.

Was gab es für Überlegungen und wer schrieb den Anfang?

Anna: Nach dem Beschluss, dass wir zusammen schreiben, kam erst mal die große Frage: Wie jetzt eigentlich? Wie geht das, was brauchen wir? Wir haben uns öfter geschrieben, uns herangetastet und wussten trotzdem erst nicht so richtig, wie wir anfangen sollten.

Ina: Wir stellten zunächst einige Regeln auf, zum Beispiel, dass jede bei ihrem Part minimal einen Absatz, und maximal eine Seite schreiben sollte.

Anna: In einem Worddokument haben wir uns ausgetauscht, Fragen formuliert, Dinge, wie zum Beispiel die Regeln zur Abschnittslänge festgehalten. Ich hab dann einfach folgende Fakten in den Raum geworfen: Renate, Hauptbahnhof und Hamburg, weil ich Hamburg so mag und Ina hat den Anfang geschrieben, da wir unbedingt loslegen wollten.

Ina: Um ein Ziel vor Augen zu haben, setzten wir uns als Schlusstermin Ende Februar 2015. Das Schreiben machte aber solchen Spaß, dass wir die Deadline verlängerten. Es wurde Sommer.

Was passierte während des Schreibens? Was war schwierig? Was lief gut?

Ina: Ich weiß noch, dass ich es zu Beginn sehr schwierig fand, von meinem eigenen Plan für die Geschichte wegzukommen. Ich hatte einen starken Fokus auf die Wetten gelegt und hielt diese für den roten Faden der Geschichte, somit wollte ich den auch immer wieder aufgreifen. Schon nach einigen Absätzen lief Renate mir jedoch regelrecht davon und wurde in ein ganz neues Abenteuer verwickelt.

Anna: Ich merkte auch, dass wir in unterschiedliche Richtungen strebten. Fand das aber sehr spannend, weil wir ja am Anfang extra beschlossen hatten, dass wir das offen halten. Schwieriger fand ich, in einen Schreibrhythmus reinzukommen, der Text wird deshalb auch erst später flüssiger und es wurde immer einfacher weiterzuschreiben.

Ina: Für mich war es gut, eine Deadline für den Schluss zu haben. Denn so habe ich mich immer wieder gedanklich mit dem Text beschäftigt. Genauso hilfreich war es jedoch, dass wir uns für die einzelnen Abschnitte die Zeit nehmen konnten, die wir brauchten. Ich schrieb sofort weiter, wenn ich direkt in die Szene eintauchen konnte. Wenn ich jedoch die Verantwortung hatte einen Ortswechsel durchzuführen oder eine neue Figur hinzugekommen war, brauchte ich länger.

Anna: Stimmt, so eine Deadline hat echt Vorteile, genauso, wie den Umfang der Abschnitte einzugrenzen. Das nächste Mal würde ich den dramaturgischen Rahmen enger stecken, auch wenn es einschränkt. Dadurch wird die Nacharbeit reduziert und die ist letztlich unsere große Baustelle geworden …

Ina: Uns fehlte ja zu Beginn die gemeinsame Fokussierung auf eine bestimmte Message. Zudem hatten wir nicht festgelegt, ob und wie sich Renate durch die neuen Menschen um sich herum verändert. Das hat sich erst in den letzten beiden Abschnitten herauskristallisiert. Wir müssten nun die ganze Geschichte aufarbeiten, mit der Endaussage im Kopf.

Was geschah, als die Geschichte zu Ende war?

Anna: Zuerst wollte ich gar nicht mehr aufhören, weil die Zusammenarbeit solchen Spaß gemacht hat. Aber wir waren an einen Punkt gekommen, an dem wir etwas an dem Ablauf der Zusammenarbeit hätten verändern müssen. Ohne gemeinsame Abstimmung hätten wir nicht mehr weiterschreiben können, vor allem nicht in dieser Figurenkonstellation. Wir vereinbarten, dass diejenige das Ende schreiben sollte, die es in dem Moment für die Figur am passendsten hielt.

Ina: Ohne es besprochen zu haben, wollten wir beide, dass es für Renate gut ausgeht. Ich hoffe, das ist uns gelungen. Ich würde so ein Schreibprojekt auf jeden Fall wieder machen, allerdings mit konkreteren Überlegungen zu den Hauptfiguren und der Botschaft, so wie Anna es auch schon angesprochen hat. Momentan haben wir leider nicht die Zeit, die Geschichte komplett zu überarbeiten. Wir wollten sie jedoch gern in irgendeiner Form mit anderen teilen und da kam uns die Idee mit dem schrittweise veröffentlichen auf unseren Blogs.

Anna: Und die positiven Reaktionen auf das Veröffentlichen auf unseren Blogs haben uns gezeigt, dass es eine gute Entscheidung war. Obwohl die Geschichte natürlich an der einen oder anderen Stelle holpert und wir ein paar inhaltliche Unstimmigkeiten drin haben, mögen die Leute es, die Geschichte zu lesen und mehr von unserer Arbeit zu erfahren.

Ina: Ich habe bei dieser Art der Zusammenarbeit viel gelernt. Zum Beispiel habe ich mich sehr intensiv auf die Figur eingelassen, weil ich nachempfinden wollte, warum Anna sie nun in dieser Weise handeln lässt oder warum sie plötzlich einen neuen Weg für sie vorgesehen hat. Es war auch mal ganz interessant, nicht komplett allein für die Figuren verantwortlich zu sein, sondern Anna indirekt sagen zu können: so, jetzt übernimm du bitte.

Anna: Das ging mir auch so und da hatten wir wirklich Glück miteinander, dass wir uns vertrauen konnten und unsere Zusammenarbeit in diesem Jahr auch über das Projekt hinaus so gut gewachsen ist. Das ist etwas Besonderes. Danke Dir Ina dafür und für „Willst Du mit mir schreiben?“.

Ina: Das kann ich nur zurückgeben. Na dann, auf ein Neues?

Anna: Ina, wie wäre es, wenn Du das „?“ am Ende Deines letzten Satzes in „!“ änderst?

Ina: Gerne!

Die komplette Geschichte könnt Ihr übrigens hier nachlesen: https://ina-steg.de/willst-du-mit-mir-die-geschichte/.

In einem Gastbeitrag für den Blog von Cori Kane berichten Anna und ich über weitere Aspekte des Projektes: https://seriouswriterdude.wordpress.com/2016/02/11/zwei-autorinnen-eine-geschichte-anna-thur-und-ina-steg-wagen-ein-experiment/.

Wie findet Ihr Projekte dieser Art und wie hat Euch die Geschichte gefallen? Wir freuen uns sehr über Eure Kommentare dazu!

 

“Willst Du mit mir …” – Die Geschichte

„Willst Du mit mir schreiben?“ – Mit der Frage fing es an und wir, Anna Thur und ich, haben uns in das Abenteuer gestürzt. In 11 Schritten, zwischen denen manchmal Stunden, Tage oder Wochen lagen, haben wir zusammen eine Geschichte geschrieben. Hier ist sie – uncut, unverfälscht:

Der Regen durchweichte ihre neuen Schuhe. Natürlich tat er das. Wer kaufte sich schon High Heels im Herbst? Renate schüttelte über ihr heutiges Verhalten den Kopf.
Sie betrachtete ihre frisch getönten Haare im Schaufenster und die Tüten, voll mit Klamotten, die ihre Arme schmerzen ließen. Sie hätte sich nicht auf die Wette mit Michael einlassen sollen. Es hatte ja ganz amüsant geklungen, jeden Tag etwas völlig neues auszuprobieren, aber jetzt gerade fühlte sie sich unwohl. Nein, nein, so ein Unsinn, dachte sie. Sie schaute sich um, dann eilte sie auf die Bahnhofsmission zu.
„Entschuldigen Sie, kann ich hier irgendwo eine Kleiderspende abgeben?“
Als sie das Gebäude wieder verließ, summte ihr Handy. Michael, natürlich. Ihr Sohn war zehn Mal neugieriger als ihre Tochter. Sie hörte ihn am andere Ende der Leitung sagen: „Hallo Mama. Und wie ist es gelaufen?“

Fortsetzung Nr. 1 (Anna):
„Wie soll es schon gehen, wenn man eine Wette verliert“, seufzte Renate. „Und das bei dem Wetter.“ Ihre Stimme klang nörgelig und trotzdem war herauszuhören, dass sie, egal was sie versprochen hatte, es immer halten würde. Selbst wenn es darum ging eine bescheuerte, verlorene Wette einzulösen.
Das hörte selbst der Mann heraus, der sie interessiert beobachtet hatte, wie sie im strömenden Regen auf die Bahnhofsmission zu stolziert und ohne Tüten wieder herausgekommen war. Alleine das war schon ungewöhnlich. Denn es gab nicht viele Frauen mit ihrem Aussehen, die sich hierher trauten.
Aber was er sich wirklich die ganze Zeit fragte war: „Warum hatte sie High Heels dabei an?“ Er beschloss, ihr zu folgen. Unauffällig, so lange es ging. Für den Fall, dass sie ihn doch bemerken würde, holte er vorsorglich seinen Presseausweis heraus und versuchte ihn sich an der Brusttasche seiner Jacke anzuheften, während er ihr nachging.
Es war gar nicht so einfach, das richtige Tempo zu halten, ihr nicht zu nah zu kommen und sie trotzdem nicht zu verlieren, während ihn die kleine biestige Nadel des Ausweises stach. Er fluchte darüber, während sich schon in seinem Kopf die Schlagzeile zu der schönen Unbekannten formte:

Fortsetzung Nr. 2 (Ina):
„Wette gegen Mid-Life-Crisis“
Er grinste über seine geniale Idee und stolperte dabei fast über einen Hund, der an einem seiner Beine entlang streifte. Seine Besitzerin zog den Hund weg. „Passen sie doch auf!“
„Entschuldigung“, flüsterte er. Hastig sah er zu der Frau, doch sie hatte ihn nicht bemerkt. Konzentriert tat sie einen Schritt vor den anderen und sprach laut, gegen das Trommeln der Regentropfen um sie herum, an.
„Doch, ich hab es ja versucht. Aber es war eine bescheuerte Idee, das bin nun mal nicht ich. Ach, Herrgott noch mal …“, sie taumelte, „… warte bitte kurz …“. Sie blieb stehen, lehnte sich an eine Häuserwand, klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr, zog die Schuhe aus und schleuderte sie über den Bürgersteig.
Der Mann duckte sich, doch zu spät. „Aua, scheiße, verdammt!“

Fortsetzung Nr. 3 (Anna):
Er hatte versucht auszuweichen, aber das hatte es noch schlimmer gemacht. Er hatte sein Gleichgewicht verloren und trotzdem hatte er das Wurfgeschoss abbekommen. Der Schuh hatte ihn so ungünstig getroffen, dass der Absatz auf seiner Stirn einen tiefen Kratzer hinterlassen hatte. Er fing an zu bluten.
Renate sah den Fremden mit einer Mischung aus Entsetzen und Angst an. Er wirkte so schlampig, zerknittert. Aber sie war schuld daran, dass er blutete. Aus sicherem Abstand fragte sie ihn, ob alles okay wäre. Und als sie hörte, wie er vor sich hin schimpfte, dass er mal wieder auf der Jagd wegen einer blöden Wette in eine so dämliche Situationen gekommen war, schaute sie irritiert. „Wette, wieso Wette?“ Ihre Alarmglocken schrillten. Was wusste er über sie?
„Ja, sie und ihre blöde Wette und jetzt ist meine Jacke versaut, voller Blut, wie soll ich denn da nachher zu dem Termin gehen?“ Renate packte die Panik: „Sind sie mir etwa gefolgt?“
„Ja … nein … ich“, das Wasser lief über seine Wangen, seine Hände, er strich sich über die Stirn – nun hatte sich das Wasser rötlich gefärbt. Ihm wurde schwindelig. Er konnte doch kein Blut …

Fortsetzung Nr. 4 (Ina):
Er blinzelte. Grelles Licht. Er sah nach vorne. Strahlendes Weiß. Er sah nach links. Nackte Füße. Nackte Füße? Er setzte sich auf. „Autsch!“ Sein Kopf pochte. „Werden Sie jetzt wieder ohnmächtig?“ Die Frau lehnte in einem Stuhl, ihre nackten Füße hatte sie auf den gegenüberstehenden gelegt. Hitze stieg ihm ins Gesicht. Er war ohnmächtig geworden. Vor ihr. Nein, wegen ihr!
„Sie haben aber auch einen harten Wurf.“ Die Frau setzte sich gerade hin. „Ich spiele seit 35 Jahren Baseball.“ Er grinste.
„Was gibt es zu lachen?“
„Sie in einem Baseballdress … eine interessante Vorstellung“ … und irgendwie sexy, ergänzte er in Gedanken. Schnell sah er auf den Boden. „Warum sind sie überhaupt barfuß?“ Sie erhob sich. „Weil ich wegen ihnen in Panik ausgebrochen bin, den scheiß Krankenwagen gerufen habe, sie hier her begleitet habe um ihr Händchen zu halten und meine ganzen Sachen deswegen noch in irgendeinem gottverlassenen Hauseingang stehen, an einen Hauseingang, an den ich mich noch nicht mal mehr erinnern kann.“ Sie wandte sich zur Tür.

 Fortsetzung Nr. 5 (Anna):
„Warten sie!“ Er versuchte sich aufzusetzen und zuckte vor Schmerzen sofort zurück. Sein Kopf fiel schwer in das Kissen. Sie sprang zu ihm: „Sie dürfen sich nicht bewegen, hat doch der Arzt gesagt.“ Ihre Stimme klang leicht entnervt.
„Leider war ich geistig nicht anwesend und habe das nicht mitbekommen.“ Er versuchte seine Stimme so nüchtern wie möglich klingen zu lassen. Doch der Witz war bei ihr angekommen und sie lächelte, jetzt ein wenig versöhnlich.
„Schon besser“, kommentierte er es.
„Was habe ich noch verpasst?“ Vorsichtig sah er sich im Zimmer um und drehte sich zur Seite. Sein Blick fiel auf seine Uhr, die auf dem Nachttisch lag. Er stöhnte. „Meine Kinder …“
„Was ist mit ihnen?“
„Ich muss sie abholen.“ Er versuchte aufzustehen. Aber sie drückte ihn zurück in die Kissen. „Das geht jetzt nicht. Sie sind beim Hinfallen hart aufgeschlagen und dürfen jetzt wirklich nicht …“
„Aber meine Kinder …“ Er versuchte weiter unter Stöhnen aufzustehen, während Renate ihn nach unten drückte. Er verzweifelte „Lassen sie mich, als Alleinerziehender muss man immer. Egal wann oder wie.“
„Kontrollfreak oder was? Sie müssen doch sicher nicht alles alleine machen. Rufen sie ihre Eltern an, lassen sie jemanden anderen die Kinder holen, sie sind jetzt dran mit ausruhen.“
Aber er schüttelte nur den Kopf. Plötzlich wurde ihm wieder sehr schwindelig. Seine Haut wurde blasser, als sie vorher schon gewesen war. Renate hätte nicht für möglich gehalten, dass das ging und staunte, wie kalkweiß er vor ihr lag. „Da ist niemand. Ich muss.“ Eine Träne ran aus seinem Augenwinkel.
„Okay, ich wollte heute eh nicht mehr nach Hause. Ich kann mich um die Kinder kümmern, wenn sie mir das zutrauen.“ Er sah sie schief an. „Eigentlich sind sie viel zu gefährlich für eine Babysitterin.“ „Ehrlich, ich bin selbst Mutter und weiß, was ich tue.“ Sie sah an sich hinunter, „meistens jedenfalls.“
„6, 8, 11, Lilly, Annabell, Finn, Kita Rübenkamp 123, dann Grundschule Genßlerstraße 33, Finn lotst sie von da weiter.“ Er warf sich nach oben und kotzte geräuschvoll in die Spukschüssel auf dem Nachttisch. Mit einem Stöhnen fiel er zurück in die Kissen und wiederholte wie ein Roboter: „6, 8, 11, Lilly, Annabell, Finn, Kita Rübenkamp 123, dann Grundschule Genßlerstraße 33, Finn lotst sie von da weiter.“
Da verstand Renate: das war die Instruktion für sie und mit dieser würde sie zu seinen drei Kindern finden. „Lilly wartet schon.“ Schnell holte sie einen Stift und Zettel, notierte die Abholerlaubnis, ließ ihn unterschreiben und sprintete los zum Taxi. Schweißüberströmt kam sie an der Kita an und befürchtete, dass sie ihr Lilly wegen ihres Aussehens nicht mitgeben würden. Immerhin war sie immer noch barfuß. Aber die Erzieherin hatte ganz andere Sorgen: „Also es mag ja so sein, dass der Michael Ihnen das geschrieben hat. Trotzdem mache ich da nicht mit. Was soll das Kind denn lernen: dass da nur irgendjemand Fremdes kommen braucht und behaupten muss, dass der Papa krank ist? Nee, die Kleine bleibt hier.“ Kein Widerspruch half. Erst als die Polizei kam, ließ sich die Erzieherin überzeugen.

Fortsetzung Nr. 6 (Ina):
„Wer bist du?“, „Warum bist du barfuß?“, „Wo ist der Papa?“ – Finn fragte ganz viel, die anderen beiden waren still. Sie ging in die Hocke. „Euer Papa hatte einen Unfall, aber macht euch keine Sorgen, es wird ihm bald besser gehen … wir rufen ihn gleich an, dann wird er euch alles erklären. Ich bin heute euer Kindermädchen. Ihr kennt doch bestimmt den Film Mary Poppins?“ Die drei nickten. Annabell sagte: „Aber Nanny McPhee ist cooler.“ Renate lachte, auch wenn es in ihrem inneren rumorte. Sie konnte die drei doch nicht nach Hause bringen und dort allein lassen … „Was haltet ihr davon, wenn wir zu mir nach Hause fahren?“ Die drei sahen sie mit großen Augen an. „Und was ist mit Jack und Will?“ Renate spürte, wie sich ein Schweißfilm auf ihrem Rücken bildete. „Wer sind denn die beiden?“ „Jack ist unser Papagei und Will unser Kater.“ Drei fremde Kinder, zwei fremde Tiere, sie war immer noch barfuß und wenn sie nicht bald etwas zu essen bekam, dann würde sie umfallen. „Jetzt steigen wir erst mal in ein Taxi und fahren zu euch, dann sehen wir weiter.“
Im Taxi waren die Kinder still. Renate schickte eine WhatsApp an ihren Sohn: „Ich brauche dringend deine Hilfe. Hast du Zeit? – Alte Straße 48. Bring viel Pizza mit und ein Paar Turnschuhe von dir.“ Sie gelangten in ein Viertel, nahe des Hafens. Die Bäume waren hier knochig und wirkten vom Wind zerzaust, ihre Äste standen kreuz und quer in alle Richtungen. Vor einem Haus mit gelber Fassade und himbeerroten Fenstern blieb das Taxi stehen. Finn zog den Schlüsselbund von seinem Hals und rannte auf die Haustür zu. Renate zahlte. Sie konnte gerade noch die Antwort ihres Sohnes lesen. „Hat es was mit einer Wette zu tun? Ich bin eh in der Nähe und gleich da.“ Renate folgte den Kindern zum Eingang. Als er die Tür aufschloss und sie eintraten, blieb ihr der Mund offen stehen.

Fortsetzung Nr. 7 (Anna):
Ein großer grüner Drache starrte sie an. Oder starrte er doch auf ihre Füße? Seine Augen zeigten in verschiedene Richtungen und sie konnte nicht ausmachen, was er hauptsächlich anglotzte. „Fridolin“, kreischte da Lilly los und rannte auf den Drachen zu. Sie blieb kurz vor ihm stehen, holte Schwung und sprang – direkt in den Drachen hinein. Renate wurde schwindelig. Das war ganz schön viel für einen Tag. Aber das hatte sie davon. Schließlich hatte sie beschlossen, dass ihr Leben so nicht weiter gehen konnte und war losgefahren, um alles zu ändern. Da flog auch schon die Tür hinter ihr auf und ihr Sohn stand grinsend da. „Hab ich doch gesagt, dass es reicht, Majas Kleider zur Bahnhofsmission zu bringen, um alles zu ändern. Aber wieso du gleich noch deine Schuhe loswerden musstest, musst du mir sofort erzählen.“ Ein Kreischen unterbrach ihn und er starrte jetzt auch auf den grünen Drachen. „Was ist das denn?“, seine Kinnlade klappte herunter.
Renate sah ihn an: „Ich habe keine Ahnung.“
Lilly kreischte wieder. Aber es klang weder ängstlich, noch verzweifelt, sondern einfach fröhlich. Der Drache hatte inzwischen seinen Kopf verloren. Er kullerte auf den Flurfliesen herum. An der Stelle, wo er auf den Schultern des grünen Ungetüms gesessen hatte, waren jetzt dunkle Locken zu sehen. Sie waren verklebt, weil die Person in dem Kostüm offensichtlich extrem schwitzte. Lilly kreischte wieder und hüpfte auf dem Drachen herum. „Fridolin, Fridolin, Fridolin.“
Renate sah die anderen zwei Kinder fragend an. „Sollten wir sie von ihm runterholen?“ Annabell und Finn grinsten nur. „Schon gut, das ist nur Fridolin. Unser Onkel.“
„Ihr habt einen Onkel? Wieso hat der euch heute nicht abholen können?“, rutschte es Renate heraus.
Finn sah sie schief an, „Das geht doch nicht, Fridolin ist viel zu unzuverlässig. Sagt Papa immer.“
Na toll, dachte Renate. Da hatten wir jetzt drei Kinder, zwei Haustiere, einen unzuverlässigen Drachen und eine Situation die sie komplett überforderte.
„Pizza?“, ihr Sohn kannte sie einfach zu gut. Genau deshalb hatte er herkommen sollen. Sie nickte und ging auf die Wohnzimmertür zu. „Halt!“, Finn schob sie zur Seite. „Wir gehen besser zuerst rein. Will kennt dich nicht, er ist nämlich eine Wachkatze.“ Das hatte er allerdings zu spät gesagt, denn Renate hatte schon die Tür aufgeschlossen und Katzenzähne bohrten sich in ihren großen Zeh.

Fortsetzung Nr. 8 (Ina):
Sie schrie auf – die Katze biss noch fester, neben ihr tauchte ein Drachenfuß auf und stupste die Katze an. „Lass sie in Ruhe“, die Katze sah erschrocken hoch und rannte dann zu den Kindern in den Flur.
Hinter den Locken zeigten sich dunkle Augen. Der Mann, nun ja, es war eher ein junger Kerl, sah nach unten. „Sie bluten.“
Sie biss sich auf die Lippen. „Das habe ich heute auch schon zu jemanden gesagt, zu ihrem Bruder!?“
„Andreas?! Was ist mit ihm?!“
Sie zog ihn etwas zur Seite. „Er ist im Krankenhaus, Kopfverletzung, es wird aber.“
„Du meine Güte. Kann ich ihn anrufen?“
„Vielleicht nach dem Essen – mit den Kindern zusammen?“
„Ja, natürlich.“ Er lächelte sie an. Er betrachtete ihr Gesicht. Renate wandte den Blick ab.
„Zeigt ihr mir die Küche?“, hörte sie ihren Sohn rufen. „Yeeeaaahr“, hörte sie zwei der Kinder jubeln. Finn kam ins Zimmer und schlang die Arme um den dicken Drachenbauch. „Papa ist nicht da.“ Fridolin versuchte sich zu ihm runter zu beugen und kippte leicht, humpelnd stemmte sich Renate gegen ihn. „Alles gut, mein Großer, ich bin da und diese sehr nette Frau ohne Schuhe auch.“ Er grinste.
Finn sah die beiden an, „ich hole ihr Socken!“
Renate lächelte. „Das ist das Beste, was ich heute höre.“
Ihr Sohn kam herein und trug zwei riesige Teller mit Pizza. „Abendbrot!“
Die Kinder stürmten in das Zimmer. Finn reichte ihr die Socken. „Vielen Dank.“
„Wer füttert mich?“, rief Fridolin. „Wir alle!“, rief Lilly. Abwechselnd schoben sie sich und Fridolin die Pizzastücke in den Mund. Während des Essens wurden sie ruhiger.
Das Essen tat gut, in ihr wurde es warm, die Kinder waren endlich zu Hause und in der Nähe ihrer Betten.
Ihr Sohn musterte sie. „Siehst du“, sagte Michael, „nur wegen der Wette hattest du so einen aufregenden Tag und hast anscheinend gleich zwei Männer kennengelernt.“ Er sah zu Finn. „Entschuldige, sogar drei.“
Renate nahm eines der Kissen und warf es nach ihm.
Fridolin sah sie an und grinste verschmitzt. Ihre Blicke trafen sich. Er kaute und sah ihr tief in die Augen. Meine Güte, flirtete er mit ihr? Sie war doch mindestens fünfzehn Jahre älter.
„Waff für eine Wette?“, fragte er zwischen den Bissen.

Fortsetzung Nr. 9 (Anna):
Renate schluckte. Schon mehrmals war sie heute kurz davor gewesen, es zu erzählen – das Undenkbare. Bisher hatte sie sich immer zurückhalten können. Sie wollte das doch nie: So eine emotionale Kuh sein, die jedem gleich ihre Tragödie auftischte und intime Details ausplauderte. Sie nahm sich noch ein Stück Pizza, sah auf den geschmolzenen Käse, roch die Salami und biss noch einmal ab. War es wirklich noch so wichtig, ob es jemand außerhalb der Familie wusste oder nicht? War nicht, nach allem, was passiert war, endlich Zeit loszulassen? Sie schob die Pizza extra weit in ihren Mund, damit er ja so voll wäre, dass sie nicht sprechen könnte und starrte auf die Socken, die ihr Finn vor ein paar Minuten in die Hand gedrückt hatte. Sie sahen eindeutig männlich aus. Und zu groß waren sie ihr. Zu groß wie ihr altes Leben.
„Majscha hatmisch vlasden.“
Die Worte kamen einfach so aus ihr heraus. Sie waren kaum zu verstehen, aber für Renate war das sehr viel. Michael sah seine Mutter mit großen Augen an. Sie hatte wirklich etwas sehr Privates gesagt und hielt sich an ihre Abmachung, jeden Tag etwas Neues auszuprobieren. Und dabei war es heute schon die zweite Sache.
Renate schluckte die Pizza herunter und plapperte los: Wie sie Matthias kennengelernt und ihn verletzt hatte. Wie sie die Tüten zur Bahnhofsmission gebracht hatte, wie sie überhaupt erst auf die Idee gekommen war, weil es da diese Wette mit ihren Kindern gab. Wie sie Majas ultrasexy Kleidchen, die Renate plötzlich so hasste, in die Tüten gestopft und verschenkt hatte, einfach nur, um etwas Neues zu tun statt zu Hause zu weinen. Immer weiter redete sie sich in die Vergangenheit hinein. Bis zu dem entscheidenden Punkt: Das Maja, ihre große Liebe, sie verlassen hatte und ihr Leben deshalb gerade gar keinen Sinn mehr machte.
Fridolin fiel dazu nur eins ein: „Ich hab keine Chance bei dir?“
Renate lachte. Das war das Letzte, das sie erwartet halte. Immer hatte sie sich in den schillerndsten Farben ausgemalt, wie Leute auf ihr Outing reagieren würden. Jahrelang hatte sie alles geleugnet und verschwiegen, nur ihre Familie wusste davon. Jahrelang hatte sie mit der Geheimniskrämerei ihre Beziehung zu Maja ruiniert, bis am Ende keine Kraft für die Liebe mehr übrig gewesen war.
Fridolin störte es gar nicht. Er dachte nur darüber nach, ob er sie ins Bett kriegen würde oder nicht. Und Renate, die Renate, die sich eigentlich seit Jahren keinen Mann an ihrer Seite vorstellen konnte, fand das gar nicht so schlimm.
„Hab ich was Falsches gesagt?“
Renate schüttelte den Kopf und lächelte ihn an.

Fortsetzung Nr. 10 (Ina):
Michael setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. „Mensch, Mama, hättest du mir das mal eher gesagt, wir hätten doch zusammen auf die Rolle gehen können.“
Sie boxte ihn gegen die Schulter, „du bist ein Blödmann“.
Er legte den Kopf leicht schief. „Wie geht es dir?“
Sie merkte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. „Ich fühlte mich so allein.“
Fridolin stand auf und kippte dabei fast um, dann ließ er sich ebenfalls neben sie plumpsen. „Ich glaube, heute hast du viele neue Freunde gewonnen, oder Kinder?“
Die Kids stürmten auf sie los und umarmten sie gleichzeitig: „joaaaaaahhhrr“.
Renate lachte auf und schüttelte über ihr eigenes Verhalten den Kopf.
Warum hatte sie nicht viel eher den Mut gefunden?
Manchmal braucht es vielleicht ein paar Fremde, um die richtige Entscheidung zu treffen.

-Ende-

 

Das Resümee von „Zwei Autorinnen, eine Geschichte – ein Experiment“: Wenn ihr mehr über die Hintergründe erfahren wollt, wie unser Schreibprojekt entstanden ist und wie das gemeinsame Schreiben lief, dann schaut hier vorbei: https://ina-steg.de/willst-du-mit-mir-resuemee-zum-schreibprojekt/. Zudem haben wir einen Gastbeitrag für den Blog von Cori Kane verfasst: https://seriouswriterdude.wordpress.com/2016/02/11/zwei-autorinnen-eine-geschichte-anna-thur-und-ina-steg-wagen-ein-experiment/.

 

Zehn Fragen an Jae

GCLS 2014_zugeschnitten

„Wenn mich die Charaktere nicht mehr loslassen, entwickle ich Buch-Serien”

 

 

 

 

 

 

 

Jae schreibt Liebesgeschichten, Krimis und Übersinnliches. Ihr erstes Buch wurde 2007 veröffentlicht, seitdem kamen zehn englische und fünf deutsche Romane hinzu. Ihre Geschichten regen zum Träumen an, machen nachdenklich und sind zugleich immer mit einer kräftigen Prise Humor verfeinert. Die Figuren müssen für ihr Glück kämpfen, sich in schwierigen Alltagssituationen behaupten und für die Liebe einige Risiken eingehen.
Vor zwei Jahren hat Jae ihren Beruf als Psychologin aufgegeben, um als Vollzeit-Schriftstellerin und Lektorin zu arbeiten. Ihre deutsche Webseite findet man unter jae-fiction.de und die englische unter jae-fiction.com.
Auf der Webseite sandragerth.com gibt sie ihre Erfahrungen an Autorinnen und Autoren weiter, dort veröffentlicht sie unter ihrem eigentlichen Namen zahlreiche Tipps, zum Beispiel über den Schreibprozess, die Arbeit am Text und das Zeitmanagement. In diesem Jahr erscheint ihr zweiter Schreibratgeber. Auf Twitter findet man sie unter @JaeFiction.

Jae, vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Erzähl doch mal ein wenig über dich, wer bist du und was machst du?

Herzlich gerne und danke für das Interview!
Also, was gibt es über mich zu erzählen? Ich bin Vollzeit-Schriftstellerin und Lektorin für den Ylva Verlag, einen kleinen aber rasch wachsenden Verlag, der sich auf englisch- und deutschsprachige Literatur für Lesben spezialisiert hat.
Ich wohne im schönen Freiburg, an der Grenze zur Schweiz und zu Frankreich.
Ich schreibe vor allem Liebesromane, einige davon auch mit paranormalen, historischen oder Krimi-Aspekten. Seit fast zehn Jahren schreibe ich alle meine Romane auf Englisch. Letztes Jahr habe ich dann beschlossen, meine Bücher auch für deutsche Leserinnen und Leser zugänglich zu machen und übersetze seitdem meine Werke in meine Muttersprache.

Wann hast du dein erstes Buch veröffentlicht, wovon handelt es und wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Ylva Verlag?

Mein erstes Buch habe ich Ende 2007 bei einem amerikanischen Verlag, L-Book, veröffentlicht. Das war Backwards to Oregon, ein historischer Liebesroman, der im Jahr 1851 spielt.
2011 hat dann eine Freundin von mir, Astrid Ohletz, den Ylva Verlag gegründet und mir gefiel ihre Philosophie, die oberste Priorität auf Qualität und einen partnerschaftlichen Umgang mit den Autorinnen legt. Außerdem handelt es sich um einen internationalen Verlag mit Veröffentlichungen in englischer und deutscher Sprache, was mir Gelegenheit bot, meine Bücher in beiden Sprachen zu veröffentlichen. Also habe ich dann 2012 den Verlag gewechselt und veröffentliche seitdem glücklich und zufrieden beim Ylva Verlag bzw. Ylva Publishing.

Wenn du dich an deine ersten ausführlichen Schreibversuche für eine Geschichte zurück erinnerst, was fiel dir besonders schwer und wie hast du dich dem gestellt?

Oje, das ist lange her. Damals war ich 11 Jahre alt und habe einfach drauflos geschrieben, ohne irgendwelche Regeln zu kennen oder zu beachten. Wirklich ernst wurde es mir mit dem Schreiben erst, als ich angefangen habe, meine Geschichten mit Lesern und Leserinnen außerhalb meines Freundeskreises zu teilen, sie also im Internet zu posten.
Ich weiß noch, dass ich damals Probleme hatte zu entscheiden, wie Absätze gesetzt werden und auch mit der goldenen Schreibregel „show, don’t tell“ so meine Schwierigkeiten hatte. Aber zum Glück habe ich schnell Betaleser gefunden, die zum Teil erfahrene Autorinnen waren und mir weiterhelfen konnten.
Ansonsten hat es mich Überwindung gekostet, mich zu trauen, auf Englisch zu schreiben und dann auch zu veröffentlichen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht mit den Muttersprachlern mithalten zu können. Aber nach dem Motto „Augen zu und durch“ habe ich mich dem einfach gestellt. Auch dabei haben mir Betaleser sehr geholfen. Durch ihr Feedback konnte ich dazulernen und sprachliche – aber auch kulturelle – Fallstricke umgehen.

Du hast dich 2013 entschieden, deinen Job als Psychologin aufzugeben und Vollzeitschriftstellerin und Teilzeitlektorin zu werden. Erzähl mir etwas über die Zeit danach, wie hast du dich neu strukturiert? Wie kann ich mir deinen Wochenablauf vorstellen?

Anfangs war das gar nicht so einfach wie gedacht. Als Vollzeitautorin, die vom Schreiben lebt, kann man ja nicht einfach warten, bis einen die Muse küsst. Das Schreiben ist ein Job und kann nicht einfach dem Zufall überlassen werden.
Ich war es gewöhnt, abends zu schreiben, habe aber schnell gemerkt, dass ich morgens produktiver bin. Deshalb widme ich meine produktivsten Stunden dem Schreiben, ohne mich erst mit dem Beantworten von E-Mails oder Ähnlichem aufzuhalten. Das Internet kann da sowohl Segen als auch Fluch sein, deshalb versuche ich, erst nach dem Mittagessen online zu gehen.
Ich habe mir zum Ziel gesetzt, jeden Tag 2.000 Wörter zu schreiben. Da ich ziemlich langsam schreibe, dauert das Stunden. Aber dafür sind meine Manuskripte schon im ersten Entwurf recht sauber.
Gegen Mittag widme ich mit dann meinen Pflichten als Cheflektorin des Ylva Verlags bzw. Ylva Publishing, lektoriere, beantworte Leser-Mails und betreibe Marketing.
Ein richtiges Wochenende habe ich bisher meistens nicht. So kann das gehen, wenn man das größte Hobby und seine Leidenschaft zum Beruf macht!

Arbeitest du an mehreren Geschichten gleichzeitig? Wie organisierst du deinen Schreibprozess?

Was den Erstentwurf betrifft, so arbeite ich immer nur an einer Geschichte. Allerdings habe ich zugleich andere Geschichten in anderen Phasen des Entstehungsprozesses. Zum Beispiel kann es sein, dass ich morgens an einem Roman schreibe, mittags dann letzte Überarbeitungen an einem anderen Roman oder einer Kurzgeschichte vornehme und abends ein wenig für ein zukünftiges Buchprojekt recherchiere. Die meiste Zeit reserviere ich dabei immer fürs Schreiben neuen Materials.
Ich schreibe meine Romane in Scrivener, einem Schreibprogramm für Autoren. Die Software erlaubt es mir, all meine Unterlagen, zum Beispiel Recherchen zum Beruf der Hauptfigur und zum Setting, Charakterbiografien und das Manuskript im selben Dokument anzulegen. Auch Bilder, Webseiten oder PDF Dokumente können importiert werden.

Woher holst du dir Inspiration für deine Figuren und Geschichten?

Manchmal weiß ich das selbst nicht so genau. Ideen können von überall her kommen. Von etwas, was ich irgendwo lese oder was mir oder jemandem, den ich kenne, selbst passiert ist. Meistens fängt aber alles mit der Frage „Was wäre, wenn…?“ an und dann beginnt mein Autorinnen-Gehirn, eine Geschichte um eine Grundidee herumzuspinnen. Dabei stehen die Hauptfiguren immer im Vordergrund. Zum Beispiel ist die Grundidee von Cabernet und Liebe die Folgende: Was wäre, wenn eine Frau, die sich eigentlich für heterosexuell hält, von ihrem Bruder hereingelegt und auf ein Date mit einem vermeintlich männlichen Studienfreund geschickt wird – der sich dann jedoch als lesbische Winzerin entpuppt…

Rosen für die Staatsanwältin

 

 


In diesem Monat ist der Krimi Rosen für die Staatsanwältin erschienen, der zweite Teil der Portland-Serie.

Wie kam es dazu, dass du dich entschieden hast Buch-Serien zu entwickeln? Worin liegen die Hauptunterschiede zu einer in sich abgeschlossenen Geschichte?                   

 

Zum einen fand ich, dass die Geschichte mit dem ersten Buch, „Auf schmalem Grat,“ zwar ein zufriedenstellendes Ende fand, aber dass es noch sehr viel mehr über die beiden Hauptfiguren zu berichten gab. Außerdem hatte ich auch die Nebenfiguren des ersten Romans liebgewonnen und wollte ihnen im zweiten Buch etwas mehr Raum und eine eigene Liebesgeschichte geben. So verhält sich das mit allen meinen Serien. Die Charaktere haben mich einfach nicht losgelassen. Und die Leserinnen wohl auch nicht, denn ich habe immer wieder Mails mit der Bitte um eine Fortsetzung erhalten.

Im Unterschied zum „Einzelroman“ hat man als Autorin einer Serie mehr Raum, die Charaktere eine längere Entwicklung durchmachen zu lassen und ihr Leben über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Die Schwierigkeit liegt dabei darin, das Buch so zu schreiben, dass auch Leserinnen, die Teil 1 nicht gelesen haben, den zweiten Teil verstehen und genießen können, gleichzeitig aber auch Leserinnen, die Teil 1 kennen, nicht mit alten Informationen zu langweilen. Ich denke, es ist mir gelungen, eine gute Balance zu finden.

Auf deinem Blog veröffentlichst du regelmäßig Tipps für Autorinnen und Autoren. Gab es einen speziellen Auslöser, weshalb du damit angefangen hast?

Mir war es wichtig, jungen bzw. neuen Autorinnen und Autoren Starthilfe zu geben, so wie ich mir das damals gewünscht hätte. Mit meinen Blogbeiträgen, aber auch indem ich als Mentor und Betaleserin fungiere, versuche ich, ein wenig von der Hilfe zurückzugeben, die andere Autoren und Betaleser mir über die Jahre zukommen ließen.

Seit diesem Jahr gibt es den Schreibratgeber Goal Setting for Writers von dir, im Dezember erscheint Time Management for Writers. Wie entwickelst du die Struktur und den Inhalt deiner Ratgeber?

Am Anfang steht immer ein Brainstorming. Ich überlege mir, was ich als Leserin zum Beispiel über das Thema Zeitmanagement wissen wollte. Auf diese Weise entsteht dann das Inhaltsverzeichnis und dann überlege ich mir für jedes Kapitel, welche Unterabschnitte enthalten sein müssen, um das Thema umfangreich abzudecken. Zum Beispiel habe ich mir für das Kapitel „Ablenkungen“ dann überlegt, warum kreative Menschen besonders anfällig für Ablenkungen sind, welchen Ablenkungen sie ausgesetzt sind und wie man diese erfolgreich bekämpfen kann.
Nachdem dann die Struktur steht, fange ich an zu schreiben. Dabei bemühe ich mich immer, möglichst lebensnah zu bleiben und durch Beispiele anderer Autoren und eigene Erfahrungsberichte das Buch anschaulich zu gestalten.
Am Ende gebe ich das Manuskript dann an meine Betaleser, mit der Bitte um Rückmeldung zu dem, was hinzugefügt, ausgebaut, geändert oder gestrafft werden muss.

Gibt es etwas, was du den Leserinnen und Lesern noch gerne mitteilen möchtest?

Dann nutze ich doch die Gelegenheit, um Danke zu sagen an alle, die meine Bücher gelesen und vielleicht sogar Rezensionen oder Feedback-Mails geschrieben haben. Ich hoffe, meinen Lesern und Leserinnen auch weiterhin viele schöne Lesestunden bereiten zu können!

 

Geschichten von Jae

Deutsche Romane:

Cabernet und Liebe (Liebesroman)

Vorsicht, Sternschnuppe (Liebesroman)

Auf schmalem Grat (Teil 1 der Portland-Serie; Liebesroman mit Krimi-Aspekten)

Rosen für die Staatsanwältin (Teil 2 der Portland-Serie)

Zum Anbeißen (paranormaler Liebesroman)

Novellen:

Liebe à la Hollywood (kürzerer Liebesroman)

Vollmond über Manhattan (kürzerer paranormaler Liebesroman)

Kurzgeschichten:

Der Morgen danach (kostenlose Kurzgeschichte)

Sonderfahrt an Heilig Abend (kostenlose Kurzgeschichte)

Verführung für Anfängerinnen (erotische Kurzgeschichte, gehört zu „Cabernet und Liebe“)

Coitus Interruptus Dentalis (paranormale Kurzgeschichte, gehört zu „Zum Anbeißen“)

Liebe unterm Tannenbaum (3 romantische Kurzgeschichten)

Die Mitternachtscouch (Kurzgeschichte in der Anthologie „Suche Herz mit Namen“)

Pasta Amore (romantische Kurzgeschichte)

Baum_maßnahmen /// Die Weichheit der Vielen

_Von Linsensüppchen 54

pt.1

 

pt.2

 

pt.3

 

pt.4

 

 “Hart & weich. Die Zartheit & anmutige Erhabenheit, die Kraft der Bäume. Sie fasziniert mich.”

Meine Reihe „Baum_maßnahmen /// die Weichheit der Vielen“ soll eine geheimnisvolle Stille transportieren & innere Stärke in den Betrachter einfließen lassen. Die Motive tragen ganz bewusst nur einen schlichten Namen (pt.1-4). Sie sollen nichts beschreiben, sondern (Gefühle) auslösen.
Bäume & ihre Schatten(meister)werke haben auf mich eine fließende Klarheit, Ruhe, Kraft & wecken in mir Erinnerungen.
Jeder Betrachter dieser Bildreihe wird etwas anderes, sehr persönliches entdecken & daraus ziehen.
Nimm die Eindrücke in deine Erinnerung auf, speicher sie & hol sie raus, wann immer du es brauchst.

 

2015-05-31 21.52.50_Portrait

 

           Juli, vielen Dank, dass du mir etwas über dich erzählen magst und eine Fotoreihe von dir präsentierst.

Verrate mir ein wenig von dir.

 

 


 

 

Ich bin Juliane Befeld & lebe im wunderschönen Lipperland, nahe eines Naturschutzgebietes. Ich fühle mich sehr naturverbunden /// hier ziehe ich meine Kraft. Sobald ich mit der Kamera durch meine Welt(en) streife, er_fühle ich Freiheit & sehe die Umgebung mit anderen Augen.

2014 entschloss ich mich in einem Zandvoort_Urlaub am Meer dazu, mich mit meiner Fotografie selbstständig zu machen und mich als „Linsensüppchen 54“ öffentlich zu präsentieren. Hier entwickelte ich meinen Namen. „Linsensüppchen“ steht für ein Potpourri aus Blickwinkeln auf diese faszinierende Welt. Die Nummer „54“ trägt dabei noch eine wichtige, persönliche Geschichte mit sich. Sie erinnert mich an meine eigenen Stärken & an den Weg, den ich gehen mag. Ich bin nicht immer gradlinig, aber ich mag Klarheit & Ruhe /// du siehst::: mich in Widersprüchen verzwicken kann ich gut.

Meine Internetseite www.linsensueppchen54.blogspot.com entstand.
Hier möchte ich mit meinem Portfolio & meinen Gedanken ein kleines Stück entführen, begeistern, überraschen.

I wish my eyes could take photos.

Seit wann fotografierst du und worin wurzelt diese Leidenschaft? Mit welcher Kamera fotografierst du am liebsten?
Die Welt inspiriert mich und dass ist, was ich mag: in Pfützen springen, indisches Essen, Konzerte, das Meer, Strand und Muscheln, Federn, Schallplatte hören, frisch gewaschene Bettwäsche, Räucherstäbchen, Sommerregen, Fotoautomaten, Koriander, Malaysia, Trauerweiden, Seifenblasen, Herbst, Ingwer, Situationskomik, Einwegkameras, der Knapp am frischen Brot, Textmarker und Klebezettel.

Ich mag es, das Leben in seinen vielen Umständen zu er_leben. Unberechenbar und wandelbar. Nicht greifbar. Nicht planbar. Dass macht ein Motiv zu meinem perfekt-unperfekten Motiv.

Anfangs fotografierte ich analog oder experimentierte mit der Polaroidkamera; heute arbeite ich mit meiner Spiegelreflexkamera.
Ich arbeite mit meiner mir vertrauten Canon_Spiegelreflexkamera, die mir viele spielerische Möglichkeiten bietet.
Besonders gerne arbeite ich s/w, da sich die Kontraste hier am geheimnisvollsten ausleben.
Mein Herz hängt auch an meiner analogen Canon A-1 (aus Anfang der 80er Jahre) und meiner Fujifilm-Polaroidkamera.

Zudem spiele ich gerne mit Einweg- oder Unterwasserkameras. Auch Kinder lieben das sehr. Sie haben ein ganz besonders schönes Auge auf diese Welt. Ihr Blickwinkel fasziniert & inspiriert mich.

Einige der Bilder bearbeitest du nach, erzähl mir etwas über diesen Vorgang.
Ich arbeite besonders gern s/w. Oft fotografiere ich auch gleich in diesem Modus. Ich mag die starken Kontraste, die sich hier herausarbeiten lassen & das Bild mit kleinen Mitteln lebendig werden lassen. In s/w ist das Motiv sehr pur & lenkt den Blick auf das Wesentliche. Außerdem wirkt es geheimnisvoll & weckt (im besten Fall) eine gewisse Melancholie & Nachdenklichkeit in dem Betrachter.
Was ich auch sehr mag ist, wenn der Fokus des Motives mit seinem Hintergrund verschmilzt & fast gar keine Konturen mehr zu sehen sind. Fokus & Hintergrund werden Eins miteinander. Dies wirkt sanft & zerbrechlich.
Du siehst::: sowohl ich & meine Bilder strömen in zwei unterschiedliche Richtungen & Stimmungen. Entweder stark konturenhaft oder ganz weich. Ich mag das.
Du kannst diese Gegensätze auch total gut in einem Motiv vereinen, wie du an meiner Fotoreihe „Baum_maßnahmen /// die Weichheit der Vielen“ erkennen wirst. Du siehst::: Das Leben, seine Narben und die Unperfektheit der Natürlichkeit. Hart & weich. Die Attribute, mit denen wir uns tagtäglich auseinander setzen & umgehen lernen.

Du schreibst auch gerne, was meinst du zu dem Sprichwort „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“?
Du hast Recht, die deutsche Sprache steht mir sehr nah; ich liebe es mit ihr zu spielen und sie zu verkehren und zu verdrehen.

Kennst du das, wenn du einen Menschen, den du liebst oder den du gerade erst kennen gelernt hast, in die Augen schaust & eine Stimmung spürst. Du nimmst etwas von seinen Sehnsüchten, Wünschen & Gefühlen war. Die Person braucht nichts sagen; die Situation ist klar.
So geschieht es mir auch oft mit meiner Kamera. Ich sehe ein Motiv, es berührt mich /// fängt mich ein. Es braucht dann keine große Worte, sondern transportiert ein Gefühl. Der Blickwinkel ist mir dann schnell klar.
Mein Wunsch ist es den Betrachter meiner Bilder genau dort abzuholen. Ihn zu berühren. Ich mag meine Mitmenschen ins Staunen versetzen und sie zum Nachdenken bringen. Es gibt nicht nur eine Sicht auf die Dinge. Jeder hat einen anderen Blick für Ästhetik, Bilder und Formen. Ich finde es spannend und wichtig, all die Sichtweisen der Menschen zu erfahren und in Diskussion zu kommen.

Bildrechte: Juliane Befeld 

Zwei Autorinnen, eine Geschichte – ein Experiment

Christian_4f Aufzeichnen

 

 

 

 

                                                           

                                                                            schreiben?

 

 

 „Willst Du mit mir schreiben?“ – Mit der Frage fing es an und wir, Anna Thur und ich, haben uns in das Abenteuer gestürzt zusammen eine Geschichte zu schreiben. Am Anfang ohne eine Idee, wie das eigentlich gehen soll, wenn man sich nicht kennt, hunderte Kilometer zwischen einem liegen und mit nichts mehr als einfach nur einem freundschaftlichen Gefühl füreinander, was durch Twitter gewachsen war. Wir haben einfach losgelegt und dann nach und nach den Rahmen gesteckt.
Am Ende steht etwas, was wir beide sehr mögen und in unseren Blogs gerne zugänglich machen möchten. Ab dem 01. November, dem Startschuss des National Novel Writing Months, wird für 11 Tage jeden Tag ein Stück mehr des Entstandenen veröffentlicht.
So wie der Text gewachsen ist, könnt ihr ihn erleben, mitlesen und weiterfiebern was als nächstes passieren wird. Ihr seid dann mittendrin in der Entstehungsgeschichte und erlebt somit, was hinter den (Schreib-)Kulissen passiert, lange bevor ein Text veröffentlicht wird. Und ganz am Ende verraten wir euch mehr darüber, wie wir zusammengearbeitet haben und wie es mit der Geschichte weiter geht.

Drei Stichworte – Eine Geschichte

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Spätabends


Aus dem Notizblock, der eher ein Notizbuch sein möchte, einer die sich selber als «vom Leben verarscht» bezeichnen würde oder Spätabends

 

 

Eine Geschichte von Christian Eberli

Wie spät? Wie spät? Wie spät ist es? Die Zeit. Die Zeit, die Zeit. Gleich ist es so weit, gleich kommt das Tier und ich finde meine Zeit nicht. Seid doch mal still, mein Kopf. Es ist spätabends. Auf der Straße haben sich die Blätter erhoben. Es ist dunkel geworden. Kommt drauf an, wie spät ist’s jetzt? Der Fuchs. Wo ist der Fuchs? Fenster auf: „Grüß Gott, haben Sie einen Fuchs gesehen?“ Nachts kann man das ja machen, mal fragen, da sagt ja keiner was. Nachts. Also spät, spätabends. Dann wenn ich mich leise, leise aus dem Haus schleiche, die Treppe runter –Achtung Knarren– aus dem Haus in die Dunkelheit hinaus, an dem Buchladen vorbei, bedacht steht‘s alleine zu bleiben mit der nächtlichen Aufmerksamkeit. Da seh ich Frau Nachbarin am Rand entlang gehen, dieses nervige Weib, immer so herrlich nervlich interessiert an mir. Hallo! Frau Nachbarin! Pfff!
Ich kam also auf die Straße und da, da, da als niemand hinsah! Thihihi, ein Fuchs! Ein Fuchs mit Feder und Hut und Stock, so dämlich sah der aus! Wartete beim Streifen und ging erst als einer angefahren kam. Quiiietsch, bumm! Wieso? Wieso nur hat er das getan? Ich weine bitterlich. Das Tier lief einfach vor das nächste Auto, bevor ich es erwischen konnte.
Ich merke, er kommt wieder, so kommt er jetzt jede Nacht. Nächstes Mal, da erwisch ich ihn. Doch warte. Hör ich da was? Seid doch mal still, mein Kopf. Da ist das Tier, muss gehen, es ist Zeit geworden, ist schon spätabends?
Ich habe hingeschaut, spätabends. Kam ein einziger Mensch, mit dem wollte ich nichts, machte kehrt. Der war mir eh seltsam, ein Weibchen glaube ich, so herrlich nervlich interessiert an mir. Ich ging wie jede Nacht um Mitternacht über die Straße, dieses nervige Weib, ich merke, sie kommt wieder, so kommt sie jetzt jede Nacht.
Ich bin die Eule, die das Ganze von oben gesehen. Ich blieb bis das Tier und der Mensch beide gingen, spätabends.
Der Fuchs kam also wie jede Nacht die Gasse entlang. Hinter der Scheune bezog er Mantel und Hut, bei der Kirche den Stock, wie jede Nacht. Dann kam diese rote Fischfrau aus dem Haus, pirschte am Buchladen vorbei. Schnurstracks lief sie auf den Fuchs zu, wollte ihn am buschigen Schwanze packen und ihn zu sich rupfen, sich seiner bemächtigen, ihn rauben. Knapp entwischt entgeht ihr das Tier, so wie jede Nacht, zu lange hingeschaut. Die Blätter die tanzten im Wind, sie legten sich wieder unter das Schwarz der Nacht und auf einmal wurden die kahlen Bäume zur Weltenallee. Doch sie wird wiederkommen. Ich wartete bis es wieder ruhig war und verschwand, so wie jede Nacht.
So gehe ich jetzt jede Nacht hin, mir das Tier ansehen, das um punkt zwölf Mitternacht über die Straßenkreuzung Ecke Rathausplatz geht.

 

Christian erhielt die Stichworte Notizblock, Eule und Buchladen von mir.

Bildrechte: Christian Eberli

 

Weitere Texte des Autors gibt es auf seinem Blog „Eulenkönig“, zudem findet man ihn auf Facebook und als @Chatzefuetter auf Twitter.

Zum Blog-Interview hier entlang.

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