Vom (Schreiben über das) Küssen

„Es gibt keinen wichtigeren und schöneren Ausdruck für Liebe.“

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– Markus Jäger

Was ist das Schönste daran, eine Kussszene zu schreiben?

Die emotionale Verbundenheit zweier literarischer Figuren nachvollziehbar zu erzählen funktioniert als großes Ganzes über die Handlung ihrer gemeinsamen Geschichte, wenn aber die Gefühle in einer mitreißenden Momentaufnahme kulminieren sollen, dann am Besten in und mit einem Kuss. Wobei dieser Kuss zur Spannungssteigerung auch nur angedeutet werden kann. Wichtigste Motivation dabei ist und bleibt für mich die glaubwürdige Zartheit.

Was ist das Schwierigste daran, eine Kussszene auf das Papier zu bringen?

Die Frage, wie man die Schallmauer der simplen Beschreibung zweier aufeinandertreffender Münder durchbricht. Welche Gefühle spielen sich in den Figuren ab? Gehen diese Emotionen miteinander d’accord? Wie stark ist die Erleichterung der sich Küssenden? Sind die Augen geschlossen? Wohin kann bzw. soll der Kuss führen? Vor welchem narrativen Kontext geschieht der Kuss?

Welcher ist dein Lieblingssatz oder Absatz aus einer deiner geschriebenen Kussszenen und warum ist es dieser?

Ich habe eine (noch unveröffentlichte) Erzählung über eine schwule Liebesgeschichte geschrieben, in der einer der beiden Protagonisten nicht geoutet ist. Titel dieser Geschichte ist „Der Kuss als Wort“. Für mich bekommt der Kuss hier eine politische Bedeutung. Denn wer den Menschen, den er/sie liebt, in der Öffentlichkeit nicht zu küssen wagt, wird immer wieder zur Frage der Glaubwürdigkeit seiner/ihrer Liebe gezwungen. Ein aufreibender Konflikt, an dem die Liebe auch heut noch viel zu oft scheitert. Deshalb ist mir diese Erzählung besonders wichtig.

„Als sie nur Tage später einen öden grauen Gipfel im Schutz der dunklen Nacht erklommen, fiel ihr erstes Wort der Wahrheit über Schluchten in die Welt. Allein zu zweit. Wo niemand sah, was niemand sehen durfte. Erst dann wand sich der Weg nach unten und sie marschierten wieder heim. Denn ein Kuss, den andere sahen, ließ die Welt erkennen, was für S. die Welt nichts anging.“

Was bedeutet dir ein Kuss?

Es gibt keinen wichtigeren und schöneren Ausdruck für Liebe. Wenn wir mit einem Kuss nicht in der Lage sind unser Gefühl zu artikulieren, ist die Glaubwürdigkeit unseres Gefühls von vornherein zu hinterfragen. Wenn wir mit einem Kuss der Liebe authentisch Ausdruck verleihen, ist die Liebe nackt und echt. So wie unser Dasein in diesem Moment nackt und echt ist.

Wird dem ersten Kuss in Geschichten und Filmen eher zu viel, oder zu wenig Bedeutung beigemessen?

Das kommt auf die Geschichte beziehungsweise den Film an. Solange die oben erwähnten Impulse beim literarischen Küssen inkludiert sind, kann meines Erachtens nicht genug geküsst werden. Wenn allerdings nur das eine oder andere Hollywood Klischee vermarktet werden soll, wird man allzu schnell satt.

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„Ich würde gern viele Menschen küssen. Damit meine ich Küsse der Begeisterung und Zuneigungsbekenntnis. Ich verteile auch Handküsse.“

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– Julia von Rein-Hrubesch

Was ist das Schönste daran, eine Kussszene zu schreiben?

Das Kribbeln. Meist ist es so, dass man auf einen Kuss hinschreibt. Man fiebert ihm also entgegen. Wobei ich persönlich selten küssen lasse. Wenn man sich küsst, ist die intime Berührung passiert, der Zauber des Wartens und Erwartens vorüber. Ich leide lieber an der Sehnsucht.

Was ist das Schwierigste daran, eine Kussszene auf das Papier zu bringen?

Den Zauber innezuhalten. Beim Küssen berühren sich Lippen, oder Lippen berühren Haut. Der Prozess selbst gibt also nicht viel her, um den Leser fiebern zu lassen. Man sollte die Szene so gestalten, dass das Drumherum die eigentliche Magie ist. Ein scheues Lächeln gefällt mir da oder gerötete Wangen. Ganz wichtig ist auch der Ort. Er sagt was über die Küssenden aus. Eigentlich stehen Autor*in viele Möglichkeiten zur Verfügung, man kann spielen. Es geht darum, es gut zu machen. Eine Kussszene neben einer Mülltonne zum Beispiel, bei dem es dem Leser heiß wird, zeugt von guter Kunst.

Welcher ist dein Lieblingssatz oder Absatz aus einer deiner geschriebenen Kussszenen und warum ist es dieser?

Da muss ich erst mal suchen. Ich geize mit Küssen in meinen Geschichten. Es geht ja meist um Suchende, und Küsse findet man nicht so leicht.

Und dann macht er einen Schritt auf mich zu, und noch einen, und ich, weil ich mal wieder nichts raffe, mache einen Schritt zurück und noch einen.
Bis ich mit dem Rücken an der Hallenwand stehe, und Tony direkt vor mir. Er stellt seine Tasche auf den Boden und stützt den Arm an der Mauer ab. „Wenn du noch einen Schritt machen willst, muss du dich schon durch die Steine bohren“, sagt er und grinst sein einzigartiges, schiefes Grinsen.
„Ich …“, mache ich, weil ich zu mehr nicht in der Lage bin.

„Willst du das?“, fragt Tony und grinst mich an. „Willst du noch einen Schritt machen? Dann nehme ich meinen Arm weg. Nur ein Wort, Fee.“

Ich schlucke. So langsam fällt bei mir der Groschen, auch wenn das nicht bedeutet, dass ich was Sinnvolles tun oder sagen kann. Ich schaffe es grad noch, mit dem Kopf zu schütteln.

Und dann …

… küsst er mich.

Es ist diese Szene, weil es die einzige von mir ist, in der sich geküsst wird. Aber ich mag sie auch so sehr.

Was bedeutet dir ein Kuss?

Uff, es wird nicht leichter.

Ein Kuss bedeutete mir viel. Ich würde gern viele Menschen küssen. Damit meine ich Küsse der Begeisterung und Zuneigungsbekenntnis. Ich verteile auch Handküsse. Es gibt ja so viele verschiedene Arten von Küssen, deswegen muss man da vorsichtig sein, wem man welche gibt.

Wird dem ersten Kuss in Geschichten und Filmen eher zu viel, oder zu wenig Bedeutung beigemessen?

Mit dem Küssen wird viel Schindluder getrieben! Vor allem finde ich die ersten Küsse in Filmen und Serien immer ganz schlimm, da fühle ich mich persönlich beleidigt. Jeder wartet drauf, dass sich endlich geküsst wird, und dann werden Lippen aufeinandergepresst und Köpfe hin und hergeworfen. Das finde ich gemein. Der erste Kuss ist Sinnlichkeit, oder? Er trägt schon die Sexualität in sich, doch die kommt erst später. Außer, es ist ein One-Night-Stand. Meine Güte, das sind echt schwere Fragen, haha.

Ich kann keine Figur mehr ernst nehmen, die beim ersten Kuss Zunge und Speichel preisgibt. Küsse sind heilig. Und das zeigt, was für ein mächtiges Instrument sie sind. Da kann man viel falsch machen. In den Büchern, die ich lese, wird wenig geküsst. Mann, das klingt ja traurig. Mitgefiebert hab ich echt bei Herr Lehmann, ich wollte so sehr, dass er die schöne Köchin küsst. Und das ist schon lange her. Teenieküsse werden meist verhauen, ich finde, das kann Stephen King gut. Teenager küssen magisch, da muss man sehr aufpassen, dass man es richtig einfängt. Und ich finde, dass Küsse in Genres, die nicht zur Liebe gehören, zu wenig vorkommen. Das werde ich selbst in Zukunft mal ändern 🙂 Die Frage bleibt auch, warum das so ist. Ich schätze, weil man da Angst vor dem Klischee hat: Oh, jetzt kommt gleich die Romantikkeule.

Bildrechte: – Foto Nr. 1: Linsensüppchen 54 / linsensueppchen54.de
– Foto Nr. 2: Anja Müller / www.anja-mueller-fotografie.de

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