Ein Gespräch mit Franziska Kirchhoff

Kirchhoff

„Das Lektorat hat mich sehr gefordert. Durch die Flut an Feedback, habe ich mich zunächst völlig weggespült gefühlt.“

 

 

 

 

Franziska Kirchhoff hat im Frühjahr diesen Jahres ihren Debüt-Roman „Neustart Berlin“ im Ylva Verlag veröffentlicht. In der gefühlvollen und abwechslungsreichen Geschichte geht es um die Turbulenzen eines Neuanfangs, die Unsicherheit beim Kennenlernen eines neuen Menschen und das Entdecken intensiver Gefühle.

In ihrer Freizeit ist die Wahlberlinerin oft mit ihrem Hund Rudi in der Natur unterwegs und erkundet bei langen Spaziergängen vor allem abgelegene Orte. Zudem geht sie gerne joggen, besucht ihre Familie oder trifft sich mit Freunden, zum Beispiel zum gemeinsamen Karaoke-Singen. Ideen für ein neues Schreib-Projekt gibt es bereits, an dem sie vor allem in den frühen Morgenstunden arbeitet.

 

Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Erzähl doch mal ein wenig über dich, wer bist du, was machst du, wo findet man dich im Netz?

Da startest du zielsicher mit der schwierigsten Frage! Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Ich bin Franziska, die magische 30 habe ich bereits hinter mir gelassen. Wenn ich nicht Unternehmen in Marketing-Angelegenheiten berate, bin ich mit meiner Frau und unserem Hund Rudi zusammen. Seit 2011 leben wir in Berlin. Ich mag die Anonymität der Großstadt, die hat mir in dem kleinen Ort in Brandenburg, wo ich aufgewachsen bin, gefehlt. Was mich immer noch mit diesem Ort verbindet, ist meine Familie – die steht für mich über allem – und die Natur. Ich mag Aktivität, bin aber wenig spontan. Ich treib gern Sport, passe mich aber ungern dem Tempo anderer an. Ich bin sehr kritisch, aber keine Angst – am meisten mit mir selbst. Im Netz findet man mich bevorzugt auf Facebook. Ich freue mich über jeden Like für meine Autorenseite und weiß ehrliches Feedback wirklich sehr zu schätzen!

Wie lange schreibst du schon?

Angefangen hat das in der ersten Klasse, mit dem ABC. Mein Schriftbild ist in etwa auf diesem Stand geblieben. Ich hatte schon immer eine recht blühende Phantasie. In der Grundschule habe ich begonnen, meine erste Geschichte aufzuschreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bis zum Ende durchgehalten habe. Falls ja, gab es sicherlich ein Happy End – und vermutlich auch ein Einhorn. Dann hatte ich eine Durststrecke, die von der schlimmen Phase der Pubertät unterbrochen wurde. In dieser Zeit habe ich mich an Gedichten versucht. Es ging um Weltschmerz, verschmähte Liebe und glücklicherweise auch irgendwann um das Geschenk der Gefühlserwiderung. Dann kam wieder eine Weile nichts – das Gefühl musste ja schließlich ausgekostet werden. Während des Studiums kehrte irgendwann meine Lust am Schreiben zurück. Nach ein paar eher privat motivierten Kurzgeschichten entstand schließlich „Neustart Berlin“ bzw. „Einfach ein Gefühl“ – so lautete der ursprüngliche Arbeitstitel.

Wodurch hast du deine Leidenschaft für das Schreiben entdeckt?

Am Anfang war das Schreiben ein Ventil für mich. Ich habe Tagebuch geführt, dadurch Erlebnisse besser reflektiert und erkannt, dass es mir gut tut, mich auf diese Weise mit mir selbst auseinanderzusetzen. Mir fiel es schon immer sehr viel leichter Gefühle schriftlich auszudrücken. Inzwischen ist das Schreiben für mich zu einer Art Auszeit geworden. Ich tauche dann in eine ganz andere Welt ein. Plötzlich geht es nicht mehr um mich, meine Probleme oder Erlebnisse. Mich gedanklich und emotional komplett auf diese Phantasie einzulassen, gibt mir neue Energie, macht mich ganz munter und beflügelt so wiederum meine reale Welt.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Ylva Verlag?

Ich würde sagen, es war Glück in letzter Minute. Ich hatte Kontakt zu mehreren Verlagen, die unterschiedliche Bedingungen an eine Zusammenarbeit stellten. Teilweise konnte oder wollte ich dem nicht gerecht werden. Ich stand kurz davor, mein Manuskript im Self-Publishing herauszubringen. Dann kam die Zusage vom Ylva Verlag und hier stimmte glücklicherweise alles: mein Gefühl und die Vertragsbedingungen.

Cover_Neustart-Berlin

Was hast du beim Lektorat über deinen Schreibstil gelernt? Kam neuer Input hinzu bzw. Vorschläge, die du beim nächsten Projekt intensiv umsetzen wirst?

Das Lektorat hat mich sehr gefordert – als Autorin, aber auch als Mensch. Da kam auf einmal so eine Flut an Feedback, dass ich mich zunächst völlig weggespült gefühlt habe. Ich musste erst lernen, dass ich mein Buchstaben-Baby nicht beschützen muss. Nachdem ich Denise, meine Lektorin, kennengelernt habe, wurde alles viel leichter. Wir haben Szenen gekürzt, umgestellt und einige neue Übergänge geschaffen. Ich neige dazu, Szenen zu schnell auszublenden, meine Kopfkamera springt einen Tick zu voreilig ins nächste Bild. Diese Erkenntnis ist eine von vielen, die ich in zukünftigen Projekten beherzigen werde.

Wie integrierst du das Schreiben in deinen Alltag?

In der Regel klingelt mein Wecker um 5 Uhr. Da ich kein Snoozer bin, springe ich dann auch sofort aus dem Bett – in regen Schreibphasen sogar höchst motiviert. Um in einer Arbeitswoche auch privat kreativ und produktiv zu sein, nutze ich die Morgenstunden. Ich brauche Ruhe und muss geistig noch ganz unverbraucht sein. Nach der Arbeit bin ich nicht mehr in der Lage auch nur einen geraden Satz zu denken. Am Wochenende fällt es mir verrückter Weise schwerer mir diesen Freiraum zu schaffen oder die Selbstdisziplin aufzubringen, um mich mehrere Stunden vor den Rechner zu klemmen.

Wie viel Zeit investierst du pro Woche ins Schreiben?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gab Zeiten, da schrieb ich jeden Morgen ein bis zwei Stunden. Momentan befinde ich mich allerdings in einer schreibfreien Phase. Das ist aber nicht untypisch für mich, da sich mein Fokus immer mal wieder verschiebt. Ich habe das nächste Projekt schon fest im Blick, mir fehlt nur noch der letzte Motivationsschub.

Wie entsteht bei dir eine Geschichte, von der ersten Idee bis zum fertigen Text?

Hm. Ich wünschte, ich wüsste das so genau. Häufig komme ich gar nicht weiter als bis zur ersten Idee. Die ist dann aber auch wirklich der Anfang der Geschichte, wäre also quasi das erste geschriebene Kapitel. Gedanklich stehen die Ausgangssituation und zumindest die Charakterzüge des Hauptprotagonisten fest, bevor ich Entwicklungsszenarien durchspiele. Ich grübele oft schon sehr detailliert über Szenen oder Dialoge nach – lange bevor ich das erste Wort geschrieben habe. Wenn ich dann endlich zu schreiben beginne, entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik, die ich gar nicht wirklich kontrollieren kann. Häufig wird alles, was ich in meinen Gedankenexperimenten schon beschlossen hatte, komplett über den Haufen geworfen und neu kreiert. Die nächste Session beginnt immer damit, dass ich das zuletzt geschriebene lese und überarbeite. Danach bin ich wieder ganz in dem Gefühl drin und kann weiterschreiben. Leider muss ich zugeben, dass es für mich keinen wirklich finalen Text gibt. Würde man mir „Neustart Berlin“ zum Editieren reichen, würde ich mit Sicherheit Änderungen und vermeintliche Verbesserungen vornehmen.

Wodurch formst du dein Schreiben? Liest du zum Beispiel Schreibratgeber, oder bist du in bestimmten Foren unterwegs?

Am Anfang habe ich mich durch ein paar Foren und Blogs gelesen. Aber ich bin kein rationaler Theoretiker. Ich muss selbst erleben, was bewusst eingesetzte Schreibtaktiken mit mir als Leser machen. Daher hat sich meine Art des Lesens verändert. Ich achte mehr auf Erzählperspektiven, Figurenentwicklung und das Verhältnis zwischen beschreibenden Passagen und Dialogen. Trotzdem fällt es mir schwer, mich in meinem Schreib-Flow zu bremsen, das Bauchgefühl kurz auszuschalten und stattdessen den eigenen Text analytisch zu bewerten. Glücklicherweise habe ich einen besten Freund, der meine Texte leidenschaftlich gern auseinanderpflückt.

Möchtest du deinen Leserinnen und Lesern noch etwas mitteilen?

Ich liebe es, wenn mich eine Geschichte richtig packt und ich in Lesepausen oder nach dem Auslesen noch ein wenig die Emotion der Story in mir trage oder sich meine Gedanken verselbstständigen und weiter um die Handlung kreisen. Daher wünsche ich den Leserinnen und Lesern ganz viele solcher tollen, einnehmenden Lesemomente und würde mich freuen, mit meinem Schreiben etwas dazu beitragen zu können. Übrigens bin ich sehr neugierig auf die „Neustart Berlin“ Leseerfahrungen – also gern her damit!

Bildrechte: Franziska Kirchhoff

 

Ein Gespräch mit Anne Bax

Anne

 

 

   „Ich schätze die wunderbare Energie,

die gemeinsames Lachen erzeugt“  

 

 

 

 

Von der Schriftstellerin Anne Bax wurde 2003 die erste Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel „Wirklich ungeheuer praktisch“ veröffentlicht. Seitdem kamen zwei Romane, zwei Kurzgeschichtensammlungen und ein Kochbuch, in Zusammenarbeit mit Cornelia Böhm, hinzu.
Anne Bax bringt Menschen gerne zum Lachen und das gelingt ihr mit facettenreichen Texten, besonderen Metaphern und detailreichen Szenen. Ihre Geschichten und Gedichte handeln vom Suchen, Finden und Erleben der Liebe, von den besonderen und komischen Begegnungen zwischen zwei Menschen und immer wieder von vielfältigen alltäglichen Momenten. Einige der Texte präsentiert Anne Bax zusammen mit der Musikerin und Sängerin Anika Auweiler in dem Programm „Spaß beiSaite“. Im Netz findet man sie unter anderem auf Facebook und hier: http://baxbaxbax.de.

Liebe Frau Bax, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview nehmen. Erzählen Sie mir ein wenig über sich: wer sind Sie und was machen Sie?

Ich bin Anne Bax und alt genug um bei vollem Bewusstsein erlebt zu haben wie Abba 1974 den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Ich bin nicht ganz sicher was es über mich sagt, dass ich mich ausgerechnet daran so gut erinnere.
Ich habe Kommunikationswissenschaft/Geschichte/Psychologie studiert und in irgendeinem Ordner hinter meinem Schreibtisch liegt ein Zettel auf dem man nachlesen könnte, dass ich all das mit einem Magistertitel abgeschlossen habe. Wenn ich keine Bücher schreibe, entwerfe ich wahnsinnig tolle Werbetexte für eine PR-Agentur.

Wie fing das an, mit Ihnen und der Leidenschaft für das Schreiben?

Ich empfinde für das Schreiben nur selten Leidenschaft, das Schreiben und ich haben eine eher schwierige Beziehung und bräuchten eigentlich eine gute Paartherapeutin. Ich liebe fertige Bücher, ich liebe es Menschen zum Lachen zu bringen, ich hasse es dafür stundenlang allein am Schreibtisch sitzen zu müssen.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Geschichten gerne veröffentlicht sehen würden und wie ging es dann weiter?

So richtig weiß ich das gar nicht mehr. Ich glaube, ich hatte eine Geschichte geschrieben, die mir so gelungen erschien dass ich das gewagt habe und es hat im ersten Anlauf funktioniert.

Haben Sie sich viel selbst über das Schreiben beigebracht oder beibringen lassen? Gibt es zum Beispiel Schreibratgeber, die Ihnen wichtig sind oder Menschen, von denen Sie Besonderes gelernt haben?

Ich halte nichts von Schreibratgebern und lerne eher indem ich amerikanischen/englischen Comedians zuhöre oder ihre Werke lese. Ich versuche zu verstehen wie Tina Fey, Kathy Griffin, Amy Poehler, Steven Colbert, Jon Stewart, Kate Clinton, Craig Ferguson oder Nina Conti ihr Publikum zum Lachen bringen.

Wie wichtig ist es Ihnen, mit anderen zusammen zu lachen?

Ungeheuer wichtig. Es gibt diese grandiosen Momente, gerade bei „Spaß beiSaite“, wo wir beide auf der Bühne und das Publikum uns gegenseitig zum Lachen bringen … das ist großartig.

Wie schafft man es Texte zu schreiben, mit denen man viele zum Lachen bringen kann?

Ich vermute, dass das ein Talent ist, das man einfach hat. Das man dann aber sicher schärfen kann, indem man den Meistern und Meisterinnen dieser Zunft zuhört.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen für die Figuren? Wie viel Zeit stecken Sie in deren Entwicklung, bevor Sie anfangen zu schreiben?

Ideen liegen überall im Alltag herum und springen mich auch überall an. Ich erdenke einen längeren Text erst eine ganze Weile bevor ich ihn aufschreibe. Kurze Texte entstehen manchmal aus einem einzigen Augenblick heraus.

Ende letzten Jahres ist Ihre neue Kurzgeschichtensammlung „Love me Tinder“ erschienen. Darin präsentieren Sie amüsante, erotische und ernstere Texte. Wie entsteht so eine Zusammenstellung? Nehmen Sie sich zum Beispiel konkret verschiedene Thematiken vor und entwickeln dazu die Texte?

Im Falle von „Love me Tinder“ sind die Texte zum großen Teil für „Spaß beiSaite“ entstanden und Teil unseres Programms. Ich nehme mir sonst selten konkret ein Thema vor, sondern warte auf eine Idee, die mich amüsiert.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite an den Texten für das neue „Spaß beiSaite“ Programm und an einem neuen Roman.

Seit wann gibt es das Programm „Spaß beiSaite“? Mit wem treten Sie dort gemeinsam auf und wie kam es zu der Zusammenarbeit?

„Spaß beiSaite“ gibt es seit ungefähr vier Jahren und besteht aus mir und der genialen Anika Auweiler, die Musikerin, Sängerin und Multitalent ist. Eine gemeinsame Bekannte hatte uns einander vorgestellt, weil sie glaubte, dass unsere Talente gut zusammen passen würden. Das stimmte so sehr, dass wir seitdem in vielen deutschen Städten vor begeistertem Publikum aufgetreten sind. Auch in diesem Jahr werden wir wieder eine kleine Tour durch die Republik machen.

Wie viele Auftritte gibt es von Ihnen im Jahr? Wie bereiten Sie diese mit Anika Auweiler vor?

„Spaß beiSaite“ macht ungefähr 10 Auftritte im Jahr, dazu kommen bei mir noch einige Lesungen und bei Anika Solo-Konzerte. Da wir in ständigem, digitalen Austausch sind, entsteht das Programm fast nebenbei bei unseren Telefonaten und in unseren Nachrichten. Wir leben 500 km voneinander entfernt und treffen uns ab und zu für ein paar arbeitsreiche Wochenenden.

Was schätzen Sie an den Auftritten vor Publikum?

Die wunderbare Energie, die gemeinsames Lachen erzeugt.

Wie organisieren Sie Ihren Arbeitsalltag? Haben Sie zum Beispiel feste Zeiten, in denen Sie schreiben?

Ich wünschte ich hätte das. Ich muss mich leider immer wieder zur Disziplin zwingen, entkomme mir dann selber immer wieder und fange mich auch selber wieder ein. Es ist ein ewiger Kampf, gute Anne gegen böse Anne, fleißige Anne gegen faule Anne und es ist nie sicher wer an einem bestimmten Tag gewinnt.

Verraten Sie mir Ihre Lieblingsorte an denen Sie sich Kraft und Inspiration holen?

Ach, ich wünschte ich könnte jetzt von diesem einsamen kleinen See im Wald schreiben, der mich mit seiner verwunschenen Kraft zum Verweilen und Schreiben einlädt, aber der ist es leider nicht. Meine Inspirationsquelle ist Walt Disney World in Florida und ich verbringe dort jedes Jahr eine ungesund lange Zeitspanne um mich zu erfreuen.

 

                                 Geschichten, Gedichte und Texte von Anne Bax

Die komplette Übersicht gibt es auch auf der Amazon-Autorenwebsite von Anne Bax.

Bildrechte: Anne Bax

Adventsumfrage zu meinem Blog – mit Verlosung

20.12.2015: Die Umfrage wurde beendet. Vielen lieben Dank für eure Rückmeldungen (über die ich mich natürlich auch weiterhin freue). Der Gewinner des Buches (E.B.) wurde benachrichtigt.


Meine Internetseite gibt es nun seit knapp einem halben Jahr. Damit ich sie auch intensiv nach euren Vorstellungen und Interessen gestalten kann, würde ich mich über Rückmeldungen zu meinen Blog-Kategorien freuen:

– Interviews

Über das Schreiben

Gastbeiträge:

Drei Stichworte – eine Geschichte

Ein Foto und seine Geschichte

Die Rückmeldung kann per Mail an mich (Ina.Steg@firemail.de), als DM bei Twitter oder als Kommentar unter diesem Blogbeitrag erfolgen.

Als Dankeschön verlose ich unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Exemplar des Romans

„Die Mondspielerin“ von Nina George.

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Und hier sind die Teilnahmebedingungen:

– In den Lostopf kommt jeder, der:

  • die Tweets zur Adventsumfrage retweetet,
  • oder mir per Mail (Ina.Steg@firemail.de), über DM bei Twitter oder in einem Kommentar unter diesem Blogbeitrag schreibt, welche Kategorie ihm am besten gefällt und wozu er sich mehr Beiträge wünschen würde.

Die Umfrage beginnt mit der Veröffentlichung des Posts und
endet am Samstag, 19.12. um 23.59 Uhr.

– Am Sonntag, 20.12.2015, entscheidet das Los, wer das Buch erhält. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird anonymisiert auf dem Blog bekannt geben und zusätzlich elektronisch benachrichtigt.

– Mit dem Eingang der Mail bzw. der DM oder einem Retweet und/oder einem Kommentar bestätigst du, dass du die Teilnahmebedingungen gelesen und akzeptiert hast.

– Deine Daten werden nur für die Verlosung genutzt und danach gelöscht.

– Der Versand des Buches erfolgt per Post nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz.

– Für den Postweg übernehme ich keine Haftung.

– Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind 18 Jahre alt oder haben das Einverständnis ihrer Eltern.

– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Ich freue mich sehr auf eure Rückmeldungen und wünsche euch eine schöne und besinnliche Adventszeit,
eure Ina Steg

„Willst Du mit mir …“ Resümee zum Schreibprojekt

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Zwei Autorinnen,

eine Geschichte – ein Experiment: Das Resümee

 

 

Genau vor einem Jahr, im November 2014, schrieben wir die ersten Sätze unserer gemeinsamen Geschichte und starteten damit ein Schreibprojekt, das uns viele Monate begleitete.
Alles begann mit der Frage von Ina an Anna: „Willst Du mit mir schreiben?“
Nun haben wir in einem Gespräch ein Resümee aus den Erfahrungen gezogen, an denen wir andere gerne teilhaben lassen möchten.

Ina: Immer mal, wenn ich abgedruckte Briefwechsel zwischen Künstlern las, war ich fasziniert davon, wie diese durch ihren Austausch inspiriert wurden, worüber sie diskutierten und stritten und wie sich ihre Art zu Schreiben im Laufe der Zeit veränderte. Anna Thur kannte ich seit einiger Zeit über Twitter. Ich hatte schon Geschichten von ihr gelesen und redigiert und immer wieder merkte ich danach, dass etwas ihres Erzähltons in mir nachschwang. Ich stellte mir die Frage, ob es klappen könnte, gemeinsam eine Geschichte zu schreiben. Also fragte ich sie.

Anna: Wenn ich an die Situation denke, muss ich heute noch schmunzeln. Auf der einen Seite hatte ich ein supergutes Gefühl bei Ina, aber zu dem Zeitpunkt war sie ohne ein Gesicht und mit dem Namen Yeeaaaahhrr unterwegs. Das machte es ‚spannend‘ …

Ina: Ach ja, das war noch meine Findungsphase auf Twitter. Anna hat später mal gesagt, dass sie ein gutes Bauchgefühl gehabt hätte und ich finde es total schön, dass sie dem gefolgt ist. Mir hat es auch wieder gezeigt, dass man trotz der weitverbreiteten Anonymität in den Sozialen Medien neue Leute kennenlernen kann, man braucht halt etwas Mut und Geduld.

Was gab es für Überlegungen und wer schrieb den Anfang?

Anna: Nach dem Beschluss, dass wir zusammen schreiben, kam erst mal die große Frage: Wie jetzt eigentlich? Wie geht das, was brauchen wir? Wir haben uns öfter geschrieben, uns herangetastet und wussten trotzdem erst nicht so richtig, wie wir anfangen sollten.

Ina: Wir stellten zunächst einige Regeln auf, zum Beispiel, dass jede bei ihrem Part minimal einen Absatz, und maximal eine Seite schreiben sollte.

Anna: In einem Worddokument haben wir uns ausgetauscht, Fragen formuliert, Dinge, wie zum Beispiel die Regeln zur Abschnittslänge festgehalten. Ich hab dann einfach folgende Fakten in den Raum geworfen: Renate, Hauptbahnhof und Hamburg, weil ich Hamburg so mag und Ina hat den Anfang geschrieben, da wir unbedingt loslegen wollten.

Ina: Um ein Ziel vor Augen zu haben, setzten wir uns als Schlusstermin Ende Februar 2015. Das Schreiben machte aber solchen Spaß, dass wir die Deadline verlängerten. Es wurde Sommer.

Was passierte während des Schreibens? Was war schwierig? Was lief gut?

Ina: Ich weiß noch, dass ich es zu Beginn sehr schwierig fand, von meinem eigenen Plan für die Geschichte wegzukommen. Ich hatte einen starken Fokus auf die Wetten gelegt und hielt diese für den roten Faden der Geschichte, somit wollte ich den auch immer wieder aufgreifen. Schon nach einigen Absätzen lief Renate mir jedoch regelrecht davon und wurde in ein ganz neues Abenteuer verwickelt.

Anna: Ich merkte auch, dass wir in unterschiedliche Richtungen strebten. Fand das aber sehr spannend, weil wir ja am Anfang extra beschlossen hatten, dass wir das offen halten. Schwieriger fand ich, in einen Schreibrhythmus reinzukommen, der Text wird deshalb auch erst später flüssiger und es wurde immer einfacher weiterzuschreiben.

Ina: Für mich war es gut, eine Deadline für den Schluss zu haben. Denn so habe ich mich immer wieder gedanklich mit dem Text beschäftigt. Genauso hilfreich war es jedoch, dass wir uns für die einzelnen Abschnitte die Zeit nehmen konnten, die wir brauchten. Ich schrieb sofort weiter, wenn ich direkt in die Szene eintauchen konnte. Wenn ich jedoch die Verantwortung hatte einen Ortswechsel durchzuführen oder eine neue Figur hinzugekommen war, brauchte ich länger.

Anna: Stimmt, so eine Deadline hat echt Vorteile, genauso, wie den Umfang der Abschnitte einzugrenzen. Das nächste Mal würde ich den dramaturgischen Rahmen enger stecken, auch wenn es einschränkt. Dadurch wird die Nacharbeit reduziert und die ist letztlich unsere große Baustelle geworden …

Ina: Uns fehlte ja zu Beginn die gemeinsame Fokussierung auf eine bestimmte Message. Zudem hatten wir nicht festgelegt, ob und wie sich Renate durch die neuen Menschen um sich herum verändert. Das hat sich erst in den letzten beiden Abschnitten herauskristallisiert. Wir müssten nun die ganze Geschichte aufarbeiten, mit der Endaussage im Kopf.

Was geschah, als die Geschichte zu Ende war?

Anna: Zuerst wollte ich gar nicht mehr aufhören, weil die Zusammenarbeit solchen Spaß gemacht hat. Aber wir waren an einen Punkt gekommen, an dem wir etwas an dem Ablauf der Zusammenarbeit hätten verändern müssen. Ohne gemeinsame Abstimmung hätten wir nicht mehr weiterschreiben können, vor allem nicht in dieser Figurenkonstellation. Wir vereinbarten, dass diejenige das Ende schreiben sollte, die es in dem Moment für die Figur am passendsten hielt.

Ina: Ohne es besprochen zu haben, wollten wir beide, dass es für Renate gut ausgeht. Ich hoffe, das ist uns gelungen. Ich würde so ein Schreibprojekt auf jeden Fall wieder machen, allerdings mit konkreteren Überlegungen zu den Hauptfiguren und der Botschaft, so wie Anna es auch schon angesprochen hat. Momentan haben wir leider nicht die Zeit, die Geschichte komplett zu überarbeiten. Wir wollten sie jedoch gern in irgendeiner Form mit anderen teilen und da kam uns die Idee mit dem schrittweise veröffentlichen auf unseren Blogs.

Anna: Und die positiven Reaktionen auf das Veröffentlichen auf unseren Blogs haben uns gezeigt, dass es eine gute Entscheidung war. Obwohl die Geschichte natürlich an der einen oder anderen Stelle holpert und wir ein paar inhaltliche Unstimmigkeiten drin haben, mögen die Leute es, die Geschichte zu lesen und mehr von unserer Arbeit zu erfahren.

Ina: Ich habe bei dieser Art der Zusammenarbeit viel gelernt. Zum Beispiel habe ich mich sehr intensiv auf die Figur eingelassen, weil ich nachempfinden wollte, warum Anna sie nun in dieser Weise handeln lässt oder warum sie plötzlich einen neuen Weg für sie vorgesehen hat. Es war auch mal ganz interessant, nicht komplett allein für die Figuren verantwortlich zu sein, sondern Anna indirekt sagen zu können: so, jetzt übernimm du bitte.

Anna: Das ging mir auch so und da hatten wir wirklich Glück miteinander, dass wir uns vertrauen konnten und unsere Zusammenarbeit in diesem Jahr auch über das Projekt hinaus so gut gewachsen ist. Das ist etwas Besonderes. Danke Dir Ina dafür und für „Willst Du mit mir schreiben?“.

Ina: Das kann ich nur zurückgeben. Na dann, auf ein Neues?

Anna: Ina, wie wäre es, wenn Du das „?“ am Ende Deines letzten Satzes in „!“ änderst?

Ina: Gerne!

Die komplette Geschichte könnt Ihr übrigens hier nachlesen: http://ina-steg.de/willst-du-mit-mir-die-geschichte/.

In einem Gastbeitrag für den Blog von Cori Kane berichten Anna und ich über weitere Aspekte des Projektes: https://seriouswriterdude.wordpress.com/2016/02/11/zwei-autorinnen-eine-geschichte-anna-thur-und-ina-steg-wagen-ein-experiment/.

Wie findet Ihr Projekte dieser Art und wie hat Euch die Geschichte gefallen? Wir freuen uns sehr über Eure Kommentare dazu!

 

„Willst Du mit mir …“ – Die Geschichte

„Willst Du mit mir schreiben?“ – Mit der Frage fing es an und wir, Anna Thur und ich, haben uns in das Abenteuer gestürzt. In 11 Schritten, zwischen denen manchmal Stunden, Tage oder Wochen lagen, haben wir zusammen eine Geschichte geschrieben. Hier ist sie – uncut, unverfälscht:

Der Regen durchweichte ihre neuen Schuhe. Natürlich tat er das. Wer kaufte sich schon High Heels im Herbst? Renate schüttelte über ihr heutiges Verhalten den Kopf.
Sie betrachtete ihre frisch getönten Haare im Schaufenster und die Tüten, voll mit Klamotten, die ihre Arme schmerzen ließen. Sie hätte sich nicht auf die Wette mit Michael einlassen sollen. Es hatte ja ganz amüsant geklungen, jeden Tag etwas völlig neues auszuprobieren, aber jetzt gerade fühlte sie sich unwohl. Nein, nein, so ein Unsinn, dachte sie. Sie schaute sich um, dann eilte sie auf die Bahnhofsmission zu.
„Entschuldigen Sie, kann ich hier irgendwo eine Kleiderspende abgeben?“
Als sie das Gebäude wieder verließ, summte ihr Handy. Michael, natürlich. Ihr Sohn war zehn Mal neugieriger als ihre Tochter. Sie hörte ihn am andere Ende der Leitung sagen: „Hallo Mama. Und wie ist es gelaufen?“

Fortsetzung Nr. 1 (Anna):
„Wie soll es schon gehen, wenn man eine Wette verliert“, seufzte Renate. „Und das bei dem Wetter.“ Ihre Stimme klang nörgelig und trotzdem war herauszuhören, dass sie, egal was sie versprochen hatte, es immer halten würde. Selbst wenn es darum ging eine bescheuerte, verlorene Wette einzulösen.
Das hörte selbst der Mann heraus, der sie interessiert beobachtet hatte, wie sie im strömenden Regen auf die Bahnhofsmission zu stolziert und ohne Tüten wieder herausgekommen war. Alleine das war schon ungewöhnlich. Denn es gab nicht viele Frauen mit ihrem Aussehen, die sich hierher trauten.
Aber was er sich wirklich die ganze Zeit fragte war: „Warum hatte sie High Heels dabei an?“ Er beschloss, ihr zu folgen. Unauffällig, so lange es ging. Für den Fall, dass sie ihn doch bemerken würde, holte er vorsorglich seinen Presseausweis heraus und versuchte ihn sich an der Brusttasche seiner Jacke anzuheften, während er ihr nachging.
Es war gar nicht so einfach, das richtige Tempo zu halten, ihr nicht zu nah zu kommen und sie trotzdem nicht zu verlieren, während ihn die kleine biestige Nadel des Ausweises stach. Er fluchte darüber, während sich schon in seinem Kopf die Schlagzeile zu der schönen Unbekannten formte:

Fortsetzung Nr. 2 (Ina):
„Wette gegen Mid-Life-Crisis“
Er grinste über seine geniale Idee und stolperte dabei fast über einen Hund, der an einem seiner Beine entlang streifte. Seine Besitzerin zog den Hund weg. „Passen sie doch auf!“
„Entschuldigung“, flüsterte er. Hastig sah er zu der Frau, doch sie hatte ihn nicht bemerkt. Konzentriert tat sie einen Schritt vor den anderen und sprach laut, gegen das Trommeln der Regentropfen um sie herum, an.
„Doch, ich hab es ja versucht. Aber es war eine bescheuerte Idee, das bin nun mal nicht ich. Ach, Herrgott noch mal …“, sie taumelte, „… warte bitte kurz …“. Sie blieb stehen, lehnte sich an eine Häuserwand, klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr, zog die Schuhe aus und schleuderte sie über den Bürgersteig.
Der Mann duckte sich, doch zu spät. „Aua, scheiße, verdammt!“

Fortsetzung Nr. 3 (Anna):
Er hatte versucht auszuweichen, aber das hatte es noch schlimmer gemacht. Er hatte sein Gleichgewicht verloren und trotzdem hatte er das Wurfgeschoss abbekommen. Der Schuh hatte ihn so ungünstig getroffen, dass der Absatz auf seiner Stirn einen tiefen Kratzer hinterlassen hatte. Er fing an zu bluten.
Renate sah den Fremden mit einer Mischung aus Entsetzen und Angst an. Er wirkte so schlampig, zerknittert. Aber sie war schuld daran, dass er blutete. Aus sicherem Abstand fragte sie ihn, ob alles okay wäre. Und als sie hörte, wie er vor sich hin schimpfte, dass er mal wieder auf der Jagd wegen einer blöden Wette in eine so dämliche Situationen gekommen war, schaute sie irritiert. „Wette, wieso Wette?“ Ihre Alarmglocken schrillten. Was wusste er über sie?
„Ja, sie und ihre blöde Wette und jetzt ist meine Jacke versaut, voller Blut, wie soll ich denn da nachher zu dem Termin gehen?“ Renate packte die Panik: „Sind sie mir etwa gefolgt?“
„Ja … nein … ich“, das Wasser lief über seine Wangen, seine Hände, er strich sich über die Stirn – nun hatte sich das Wasser rötlich gefärbt. Ihm wurde schwindelig. Er konnte doch kein Blut …

Fortsetzung Nr. 4 (Ina):
Er blinzelte. Grelles Licht. Er sah nach vorne. Strahlendes Weiß. Er sah nach links. Nackte Füße. Nackte Füße? Er setzte sich auf. „Autsch!“ Sein Kopf pochte. „Werden Sie jetzt wieder ohnmächtig?“ Die Frau lehnte in einem Stuhl, ihre nackten Füße hatte sie auf den gegenüberstehenden gelegt. Hitze stieg ihm ins Gesicht. Er war ohnmächtig geworden. Vor ihr. Nein, wegen ihr!
„Sie haben aber auch einen harten Wurf.“ Die Frau setzte sich gerade hin. „Ich spiele seit 35 Jahren Baseball.“ Er grinste.
„Was gibt es zu lachen?“
„Sie in einem Baseballdress … eine interessante Vorstellung“ … und irgendwie sexy, ergänzte er in Gedanken. Schnell sah er auf den Boden. „Warum sind sie überhaupt barfuß?“ Sie erhob sich. „Weil ich wegen ihnen in Panik ausgebrochen bin, den scheiß Krankenwagen gerufen habe, sie hier her begleitet habe um ihr Händchen zu halten und meine ganzen Sachen deswegen noch in irgendeinem gottverlassenen Hauseingang stehen, an einen Hauseingang, an den ich mich noch nicht mal mehr erinnern kann.“ Sie wandte sich zur Tür.

 Fortsetzung Nr. 5 (Anna):
„Warten sie!“ Er versuchte sich aufzusetzen und zuckte vor Schmerzen sofort zurück. Sein Kopf fiel schwer in das Kissen. Sie sprang zu ihm: „Sie dürfen sich nicht bewegen, hat doch der Arzt gesagt.“ Ihre Stimme klang leicht entnervt.
„Leider war ich geistig nicht anwesend und habe das nicht mitbekommen.“ Er versuchte seine Stimme so nüchtern wie möglich klingen zu lassen. Doch der Witz war bei ihr angekommen und sie lächelte, jetzt ein wenig versöhnlich.
„Schon besser“, kommentierte er es.
„Was habe ich noch verpasst?“ Vorsichtig sah er sich im Zimmer um und drehte sich zur Seite. Sein Blick fiel auf seine Uhr, die auf dem Nachttisch lag. Er stöhnte. „Meine Kinder …“
„Was ist mit ihnen?“
„Ich muss sie abholen.“ Er versuchte aufzustehen. Aber sie drückte ihn zurück in die Kissen. „Das geht jetzt nicht. Sie sind beim Hinfallen hart aufgeschlagen und dürfen jetzt wirklich nicht …“
„Aber meine Kinder …“ Er versuchte weiter unter Stöhnen aufzustehen, während Renate ihn nach unten drückte. Er verzweifelte „Lassen sie mich, als Alleinerziehender muss man immer. Egal wann oder wie.“
„Kontrollfreak oder was? Sie müssen doch sicher nicht alles alleine machen. Rufen sie ihre Eltern an, lassen sie jemanden anderen die Kinder holen, sie sind jetzt dran mit ausruhen.“
Aber er schüttelte nur den Kopf. Plötzlich wurde ihm wieder sehr schwindelig. Seine Haut wurde blasser, als sie vorher schon gewesen war. Renate hätte nicht für möglich gehalten, dass das ging und staunte, wie kalkweiß er vor ihr lag. „Da ist niemand. Ich muss.“ Eine Träne ran aus seinem Augenwinkel.
„Okay, ich wollte heute eh nicht mehr nach Hause. Ich kann mich um die Kinder kümmern, wenn sie mir das zutrauen.“ Er sah sie schief an. „Eigentlich sind sie viel zu gefährlich für eine Babysitterin.“ „Ehrlich, ich bin selbst Mutter und weiß, was ich tue.“ Sie sah an sich hinunter, „meistens jedenfalls.“
„6, 8, 11, Lilly, Annabell, Finn, Kita Rübenkamp 123, dann Grundschule Genßlerstraße 33, Finn lotst sie von da weiter.“ Er warf sich nach oben und kotzte geräuschvoll in die Spukschüssel auf dem Nachttisch. Mit einem Stöhnen fiel er zurück in die Kissen und wiederholte wie ein Roboter: „6, 8, 11, Lilly, Annabell, Finn, Kita Rübenkamp 123, dann Grundschule Genßlerstraße 33, Finn lotst sie von da weiter.“
Da verstand Renate: das war die Instruktion für sie und mit dieser würde sie zu seinen drei Kindern finden. „Lilly wartet schon.“ Schnell holte sie einen Stift und Zettel, notierte die Abholerlaubnis, ließ ihn unterschreiben und sprintete los zum Taxi. Schweißüberströmt kam sie an der Kita an und befürchtete, dass sie ihr Lilly wegen ihres Aussehens nicht mitgeben würden. Immerhin war sie immer noch barfuß. Aber die Erzieherin hatte ganz andere Sorgen: „Also es mag ja so sein, dass der Michael Ihnen das geschrieben hat. Trotzdem mache ich da nicht mit. Was soll das Kind denn lernen: dass da nur irgendjemand Fremdes kommen braucht und behaupten muss, dass der Papa krank ist? Nee, die Kleine bleibt hier.“ Kein Widerspruch half. Erst als die Polizei kam, ließ sich die Erzieherin überzeugen.

Fortsetzung Nr. 6 (Ina):
„Wer bist du?“, „Warum bist du barfuß?“, „Wo ist der Papa?“ – Finn fragte ganz viel, die anderen beiden waren still. Sie ging in die Hocke. „Euer Papa hatte einen Unfall, aber macht euch keine Sorgen, es wird ihm bald besser gehen … wir rufen ihn gleich an, dann wird er euch alles erklären. Ich bin heute euer Kindermädchen. Ihr kennt doch bestimmt den Film Mary Poppins?“ Die drei nickten. Annabell sagte: „Aber Nanny McPhee ist cooler.“ Renate lachte, auch wenn es in ihrem inneren rumorte. Sie konnte die drei doch nicht nach Hause bringen und dort allein lassen … „Was haltet ihr davon, wenn wir zu mir nach Hause fahren?“ Die drei sahen sie mit großen Augen an. „Und was ist mit Jack und Will?“ Renate spürte, wie sich ein Schweißfilm auf ihrem Rücken bildete. „Wer sind denn die beiden?“ „Jack ist unser Papagei und Will unser Kater.“ Drei fremde Kinder, zwei fremde Tiere, sie war immer noch barfuß und wenn sie nicht bald etwas zu essen bekam, dann würde sie umfallen. „Jetzt steigen wir erst mal in ein Taxi und fahren zu euch, dann sehen wir weiter.“
Im Taxi waren die Kinder still. Renate schickte eine WhatsApp an ihren Sohn: „Ich brauche dringend deine Hilfe. Hast du Zeit? – Alte Straße 48. Bring viel Pizza mit und ein Paar Turnschuhe von dir.“ Sie gelangten in ein Viertel, nahe des Hafens. Die Bäume waren hier knochig und wirkten vom Wind zerzaust, ihre Äste standen kreuz und quer in alle Richtungen. Vor einem Haus mit gelber Fassade und himbeerroten Fenstern blieb das Taxi stehen. Finn zog den Schlüsselbund von seinem Hals und rannte auf die Haustür zu. Renate zahlte. Sie konnte gerade noch die Antwort ihres Sohnes lesen. „Hat es was mit einer Wette zu tun? Ich bin eh in der Nähe und gleich da.“ Renate folgte den Kindern zum Eingang. Als er die Tür aufschloss und sie eintraten, blieb ihr der Mund offen stehen.

Fortsetzung Nr. 7 (Anna):
Ein großer grüner Drache starrte sie an. Oder starrte er doch auf ihre Füße? Seine Augen zeigten in verschiedene Richtungen und sie konnte nicht ausmachen, was er hauptsächlich anglotzte. „Fridolin“, kreischte da Lilly los und rannte auf den Drachen zu. Sie blieb kurz vor ihm stehen, holte Schwung und sprang – direkt in den Drachen hinein. Renate wurde schwindelig. Das war ganz schön viel für einen Tag. Aber das hatte sie davon. Schließlich hatte sie beschlossen, dass ihr Leben so nicht weiter gehen konnte und war losgefahren, um alles zu ändern. Da flog auch schon die Tür hinter ihr auf und ihr Sohn stand grinsend da. „Hab ich doch gesagt, dass es reicht, Majas Kleider zur Bahnhofsmission zu bringen, um alles zu ändern. Aber wieso du gleich noch deine Schuhe loswerden musstest, musst du mir sofort erzählen.“ Ein Kreischen unterbrach ihn und er starrte jetzt auch auf den grünen Drachen. „Was ist das denn?“, seine Kinnlade klappte herunter.
Renate sah ihn an: „Ich habe keine Ahnung.“
Lilly kreischte wieder. Aber es klang weder ängstlich, noch verzweifelt, sondern einfach fröhlich. Der Drache hatte inzwischen seinen Kopf verloren. Er kullerte auf den Flurfliesen herum. An der Stelle, wo er auf den Schultern des grünen Ungetüms gesessen hatte, waren jetzt dunkle Locken zu sehen. Sie waren verklebt, weil die Person in dem Kostüm offensichtlich extrem schwitzte. Lilly kreischte wieder und hüpfte auf dem Drachen herum. „Fridolin, Fridolin, Fridolin.“
Renate sah die anderen zwei Kinder fragend an. „Sollten wir sie von ihm runterholen?“ Annabell und Finn grinsten nur. „Schon gut, das ist nur Fridolin. Unser Onkel.“
„Ihr habt einen Onkel? Wieso hat der euch heute nicht abholen können?“, rutschte es Renate heraus.
Finn sah sie schief an, „Das geht doch nicht, Fridolin ist viel zu unzuverlässig. Sagt Papa immer.“
Na toll, dachte Renate. Da hatten wir jetzt drei Kinder, zwei Haustiere, einen unzuverlässigen Drachen und eine Situation die sie komplett überforderte.
„Pizza?“, ihr Sohn kannte sie einfach zu gut. Genau deshalb hatte er herkommen sollen. Sie nickte und ging auf die Wohnzimmertür zu. „Halt!“, Finn schob sie zur Seite. „Wir gehen besser zuerst rein. Will kennt dich nicht, er ist nämlich eine Wachkatze.“ Das hatte er allerdings zu spät gesagt, denn Renate hatte schon die Tür aufgeschlossen und Katzenzähne bohrten sich in ihren großen Zeh.

Fortsetzung Nr. 8 (Ina):
Sie schrie auf – die Katze biss noch fester, neben ihr tauchte ein Drachenfuß auf und stupste die Katze an. „Lass sie in Ruhe“, die Katze sah erschrocken hoch und rannte dann zu den Kindern in den Flur.
Hinter den Locken zeigten sich dunkle Augen. Der Mann, nun ja, es war eher ein junger Kerl, sah nach unten. „Sie bluten.“
Sie biss sich auf die Lippen. „Das habe ich heute auch schon zu jemanden gesagt, zu ihrem Bruder!?“
„Andreas?! Was ist mit ihm?!“
Sie zog ihn etwas zur Seite. „Er ist im Krankenhaus, Kopfverletzung, es wird aber.“
„Du meine Güte. Kann ich ihn anrufen?“
„Vielleicht nach dem Essen – mit den Kindern zusammen?“
„Ja, natürlich.“ Er lächelte sie an. Er betrachtete ihr Gesicht. Renate wandte den Blick ab.
„Zeigt ihr mir die Küche?“, hörte sie ihren Sohn rufen. „Yeeeaaahr“, hörte sie zwei der Kinder jubeln. Finn kam ins Zimmer und schlang die Arme um den dicken Drachenbauch. „Papa ist nicht da.“ Fridolin versuchte sich zu ihm runter zu beugen und kippte leicht, humpelnd stemmte sich Renate gegen ihn. „Alles gut, mein Großer, ich bin da und diese sehr nette Frau ohne Schuhe auch.“ Er grinste.
Finn sah die beiden an, „ich hole ihr Socken!“
Renate lächelte. „Das ist das Beste, was ich heute höre.“
Ihr Sohn kam herein und trug zwei riesige Teller mit Pizza. „Abendbrot!“
Die Kinder stürmten in das Zimmer. Finn reichte ihr die Socken. „Vielen Dank.“
„Wer füttert mich?“, rief Fridolin. „Wir alle!“, rief Lilly. Abwechselnd schoben sie sich und Fridolin die Pizzastücke in den Mund. Während des Essens wurden sie ruhiger.
Das Essen tat gut, in ihr wurde es warm, die Kinder waren endlich zu Hause und in der Nähe ihrer Betten.
Ihr Sohn musterte sie. „Siehst du“, sagte Michael, „nur wegen der Wette hattest du so einen aufregenden Tag und hast anscheinend gleich zwei Männer kennengelernt.“ Er sah zu Finn. „Entschuldige, sogar drei.“
Renate nahm eines der Kissen und warf es nach ihm.
Fridolin sah sie an und grinste verschmitzt. Ihre Blicke trafen sich. Er kaute und sah ihr tief in die Augen. Meine Güte, flirtete er mit ihr? Sie war doch mindestens fünfzehn Jahre älter.
„Waff für eine Wette?“, fragte er zwischen den Bissen.

Fortsetzung Nr. 9 (Anna):
Renate schluckte. Schon mehrmals war sie heute kurz davor gewesen, es zu erzählen – das Undenkbare. Bisher hatte sie sich immer zurückhalten können. Sie wollte das doch nie: So eine emotionale Kuh sein, die jedem gleich ihre Tragödie auftischte und intime Details ausplauderte. Sie nahm sich noch ein Stück Pizza, sah auf den geschmolzenen Käse, roch die Salami und biss noch einmal ab. War es wirklich noch so wichtig, ob es jemand außerhalb der Familie wusste oder nicht? War nicht, nach allem, was passiert war, endlich Zeit loszulassen? Sie schob die Pizza extra weit in ihren Mund, damit er ja so voll wäre, dass sie nicht sprechen könnte und starrte auf die Socken, die ihr Finn vor ein paar Minuten in die Hand gedrückt hatte. Sie sahen eindeutig männlich aus. Und zu groß waren sie ihr. Zu groß wie ihr altes Leben.
„Majscha hatmisch vlasden.“
Die Worte kamen einfach so aus ihr heraus. Sie waren kaum zu verstehen, aber für Renate war das sehr viel. Michael sah seine Mutter mit großen Augen an. Sie hatte wirklich etwas sehr Privates gesagt und hielt sich an ihre Abmachung, jeden Tag etwas Neues auszuprobieren. Und dabei war es heute schon die zweite Sache.
Renate schluckte die Pizza herunter und plapperte los: Wie sie Matthias kennengelernt und ihn verletzt hatte. Wie sie die Tüten zur Bahnhofsmission gebracht hatte, wie sie überhaupt erst auf die Idee gekommen war, weil es da diese Wette mit ihren Kindern gab. Wie sie Majas ultrasexy Kleidchen, die Renate plötzlich so hasste, in die Tüten gestopft und verschenkt hatte, einfach nur, um etwas Neues zu tun statt zu Hause zu weinen. Immer weiter redete sie sich in die Vergangenheit hinein. Bis zu dem entscheidenden Punkt: Das Maja, ihre große Liebe, sie verlassen hatte und ihr Leben deshalb gerade gar keinen Sinn mehr machte.
Fridolin fiel dazu nur eins ein: „Ich hab keine Chance bei dir?“
Renate lachte. Das war das Letzte, das sie erwartet halte. Immer hatte sie sich in den schillerndsten Farben ausgemalt, wie Leute auf ihr Outing reagieren würden. Jahrelang hatte sie alles geleugnet und verschwiegen, nur ihre Familie wusste davon. Jahrelang hatte sie mit der Geheimniskrämerei ihre Beziehung zu Maja ruiniert, bis am Ende keine Kraft für die Liebe mehr übrig gewesen war.
Fridolin störte es gar nicht. Er dachte nur darüber nach, ob er sie ins Bett kriegen würde oder nicht. Und Renate, die Renate, die sich eigentlich seit Jahren keinen Mann an ihrer Seite vorstellen konnte, fand das gar nicht so schlimm.
„Hab ich was Falsches gesagt?“
Renate schüttelte den Kopf und lächelte ihn an.

Fortsetzung Nr. 10 (Ina):
Michael setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. „Mensch, Mama, hättest du mir das mal eher gesagt, wir hätten doch zusammen auf die Rolle gehen können.“
Sie boxte ihn gegen die Schulter, „du bist ein Blödmann“.
Er legte den Kopf leicht schief. „Wie geht es dir?“
Sie merkte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. „Ich fühlte mich so allein.“
Fridolin stand auf und kippte dabei fast um, dann ließ er sich ebenfalls neben sie plumpsen. „Ich glaube, heute hast du viele neue Freunde gewonnen, oder Kinder?“
Die Kids stürmten auf sie los und umarmten sie gleichzeitig: „joaaaaaahhhrr“.
Renate lachte auf und schüttelte über ihr eigenes Verhalten den Kopf.
Warum hatte sie nicht viel eher den Mut gefunden?
Manchmal braucht es vielleicht ein paar Fremde, um die richtige Entscheidung zu treffen.

-Ende-

 

Das Resümee von „Zwei Autorinnen, eine Geschichte – ein Experiment“: Wenn ihr mehr über die Hintergründe erfahren wollt, wie unser Schreibprojekt entstanden ist und wie das gemeinsame Schreiben lief, dann schaut hier vorbei: http://ina-steg.de/willst-du-mit-mir-resuemee-zum-schreibprojekt/. Zudem haben wir einen Gastbeitrag für den Blog von Cori Kane verfasst: https://seriouswriterdude.wordpress.com/2016/02/11/zwei-autorinnen-eine-geschichte-anna-thur-und-ina-steg-wagen-ein-experiment/.

 

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